Comrades

Review: Rupprecht on Service (German text)

Service, Robert: Comrades. A World History of Communism. London: Pan Macmillan Publishers 2007. ISBN 978-1-405-05345-7; geb.; XVIII, 571 S.; EUR 39,99.

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Tobias Rupprecht, Universität Tübingen
E-Mail: [mailto]TobiasRupprecht@gmx.net[/mailto]

Knapp zwanzig Jahre nach dem Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus in der Sowjetunion und Osteuropa ist vom Kommunismus wenig geblieben. Noch in den 1970er-Jahren war er ideelle Grundlage für Staaten, die zusammen ein Drittel der Weltoberfläche ausmachten. Heute bleibt ein China, das zwar den monolithisch-autoritären Charakter der kommunistischen Einparteienherrschaft bewahrt, aber seine Wirtschaft liberalisiert hat. Es bleibt ein Kuba, das seine Strahlkraft von der gerechten Gesellschaft unter Palmen endgültig eingebüßt hat, und ein Nordkorea, dessen bizarre Auswüchse nicht ohne einen gewissen Voyeurismus regelmäßig in den westlichen Medien präsentiert werden.

Die Gefahr, den Anachronismus dieser Regime in die Vergangenheit zu projizieren, ist groß, und Robert Service geht ihr in seiner Globalgeschichte des Kommunismus über weite Strecken auf den Leim.Prinzipiell ist der groß angelegte Versuch eines "making sense of communism" ja durchaus löblich. Neben all den Mikro-, Alltags- und Detailstudien, die die fachwissenschaftliche Diskussion ausmachen, können Antworten auf allgemeiner gefasste Fragen nach dem Wesen des Kommunismus, seinen verschiedenen weltweiten Ausprägungen, seiner Rolle in der Geschichte des 20. Jahrhunderts und seinen Auswirkungen auf die heutige Weltordnung einen wertvollen Überblick bieten.

Und Service, Professor für russische Geschichte in Oxford, macht in der Tat ein großes Fass auf: Die egalitären ideengeschichtlichen Wurzeln des Kommunismus sieht er schon in der Bergpredigt, er verfolgt sie in den radikalen christlichen Sekten des Mittelalters, in den Entwürfen aus der Zeit der französischen Revolution und im Entwicklungsdenken der europäischen Moderne. Blumig formuliert Service, ein Konglomerat dieser Ideen sei Ende des 19. Jahrhunderts von linksradikalen Intellektuellen wie ans Ufer geschwemmte Muscheln aufgesammelt worden (S. 23). In Verbindung mit dem Anspruch, der einzig wissenschaftliche Ansatz zur Erklärung der Moderne zu sein, habe der Marxismus dann aber seinen Absolutheitsanspruch und seine Intoleranz entwickelt. Oder, wie Service es formuliert: Die autoritäre DNS des Marxismus war der gemeinsame Nenner aller kommunistischen Bewegungen. Lenin sei der erste gewesen, der einsah, dass die Revolution sich nicht auf den Rückhalt der Bevölkerung verlassen dürfe, sondern sich ihre Gegner mit brachialer Gewalt vom Leibe schaffen müsse. Die Geschichte zeige, so Service, dass sich nur diejenigen kommunistischen Regime halten konnten, die sich an diese Prämisse Lenins hielten. Gewaltfreiheit und der Versuch demokratischer Legitimation führten, wie im Fall Salvador Allendes in Chile oder der Reformkommunisten in Ungarn und Tschechien, zum Sturz des Regimes. Diese These ist schon deshalb nicht zu halten, da jeweils unter den Rahmenbedingungen des Kalten Kriegs erst der militärische Eingriff ausländischer Mächte diese alternativen sozialistischen Experimente beendete.

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