Sitzung des Holländisch-skandinavischen Komitees mit der russischen Delegation, 4. Juli 1917

Document nr: 
P/47
ARAB, NL Hjalmar Branting, 4.1:2. Hschr. (Branting), 1 S.1

4/7 17

   3 kamr.[ater] i dag fr.[ån] Petersburg2

   sent, nu alla

   Goldenberg, Rosanoff, Smirnoff, Rubinstein Roussanoff, Dubois,3 Erlich

   Oss ryssar varje init.[iativ] sympatiskt.4 Vi hade som ryssar särskilda grunder. Något särskilt i vågskålen behövdes. Vi måste förvandla fredssträv.[anden] till fredsstorm. Nu även statens kraft.

   Svårigh.[et] i ömsesid.[igt] misstroende - pass o[ch] dyl.[ikt], som vi kunna besegra.

   Vi bjuda den goda viljan ett helt lands.

   Ryska dem.[okratin] var tillräckligt neutral - fred utan annex[ioner] o[ch] kontrib.[utioner], på självst.[ändighet] folkens -

   Vi föra krig blott mot reger.[ingar] Vi hoppades att folken överallt samma själ.

   Blott en gemensam plat[t]form.

   Diff.[erenser] ej så stora, men [Text bricht ab]

   Ej praktiskt tala om fredsvillkoren.5

   Först kraft i händerna diktera för vår reger.[ing] Garanti för att makt bakom.

   Under vil[l]kor att antagligt att konferens på grund denna plat[t]form.

   Blott i ett neutralt land,6 hjälp, praktiskt medarbete.

   Mot ententekonf.[erens]7


Übersetzung

   Drei Genossen heute aus Petersburg

   spät, jetzt alle [da]

   Goldenberg, Rosanoff, Smirnoff, Rubinstein, Roussanoff, Dubois, Erlich

   Uns Russen ist jede Intiative sympathisch. Wir hatten als Russen besondere Gründe. Etwas Besonderes brauchte es in der Waagschale. Wir müssen die Friedensbestrebungen in einen Friedenssturm verwandeln. Jetzt [besitzen wir] auch die Macht des Staates.

   Ein Problem das gegenseitige Mißtrauen - Pässe und ähnliches, das wir besiegen können.

   Wir bieten den guten Willen eines ganzen Landes an.

   Die russische Demokratie war genügend neutral - Friede ohne Annexionen und Kontributionen, auf [dem Boden] der Selbständigkeit der Völker -

   Wir führen nur Krieg gegen Regierungen. Wir hofften, daß die Völker überall in gleicherweise beseelt sind.

   Nur eine gemeinsame Plattform.

   Die Unterschiedlichkeiten nicht so groß, aber [Text bricht ab]

   [Es ist] nicht praktisch, über Friedensbedingungen zu sprechen.

   Erst [müssen wir] die Macht in den Händen [haben], um unserer Regierung diktieren [zu können]. [Das ist die] Garantie daß Macht dahinter[steht].

   Unter der Bedingung daß annehmbar [ist], daß Konferenz auf der Grundlage dieser Plattform [stattfindet].

   Nur in einem neutralen Land, Hilfe, praktische Mitarbeit.

   Gegen Ententekonferenz.


Anmerkungen

1   Siehe auch Dok. Nr. P/47a. Nach Nina Bang an Stauning, o.D. [4.7.1917], in ABA, SDF, 528, waren die ersten Gespräche "sehr vorläufiger Art" ("meget preliminære"). - Zu den Sitzungen mit der russischen Delegation Borgbjerg in dän. Social-Demokraten 5.7.1917, S. 3, 7.7., S. 3, 11.7, S. 3, und 12.7., S. 1; Nina Bang in Internationale Rundschau, Juli 1917, S. 456f. ("Die internationale sozialistische Friedenskonferenz in Stockholm", S. 453-459); Bericht von Borgbjerg, der gutgeheißen wurde, im Parteiausschuß des SDF, 20.7.1917, in ABA, SDF, Forretningsudvalgsmøder; Bericht von Rosanov an das Exekutivkomitee des Arbeiter- und Soldatenrats, 10.7.1917, veröffentlicht, redaktionell geringfügig bearbeitet, in Isvestija am 14.7.1917, abgedruckt in Gankin/Fisher 1940, S. 637-640; Bericht von Rosanov in der Sitzung des Exekutivkomitees am 2.8.1917, auszugsweise wiedergegeben in Internationale Korrespondenz (IK), Nr. 45, 25.9.1917, S. 343f.; Geyer 1957, S. 238f.; Wade 1967, S. 455-458, und Wade 1969, S. 105f.; Stillig 1977, S. 239-242, der sich in erster Linie auf englische und französische diplomatische Berichte stützt; Welcker 1985, S. 54f.; Kan 1998, S. 112f.; Portnoy 1990, S. 15-19, und Pickhan 2001, S. 62 und S. 79f. zu Erlich.

2   V. Rosanov (Sozialrevolutionär), I.P. Goldenberg (Bolschewik) und E.L. Smirnov (Menschewik) trafen zusammen mit Tatjana Rubinstein, Sekretärin und Dolmetscherin, am 3.7.1917 in Stockholm ein. Zur Ankunft schwed. Social-Demokraten 4.7.1917, S. 1, und dän. Social-Demokraten 4.7., S. 2 (Borgbjerg). Am Bahnhof wurde die Delegation von Gustav Möller und Frederik J. Borgbjerg als Vertreter des Holländisch-skandinavischen Komitees, Hugo Haase, Karl Kautsky, Georg Ledebour und Oskar Cohn von der USPD, Boris Reinstein und Eads How aus den USA, Zeth Höglund von den schwedischen Linkssozialisten sowie von Julij Weinberg, dem Vertreter des Arbeiterrats in Stockholm, empfangen. Gleichzeitig traf Angelika Balabanova aus Petrograd ein. Am 7.7.1917 kamen die übrigen Mitglieder der russischen Delegation nach Stockholm: Nikolaj S. Rusanov (Sozialrevolutionär) und Henryk M. Erlich (Bund). Siehe auch Dok. Nr. P/42, Anm. 6. - Borgbjerg charakterisierte in dän. Social-Demokraten 11.7.1917, S. 3, die russischen Delegierten kurz. Er schreibt ihnen u.a. kluge und wohlüberlegte Stellungnahmen zu, "ein erstaunlich reifes Fassungsvermögen" ("en forbavsende Modenhed i Opfattelsen") und durchweg revolutionäre Ernsthaftigkeit ("den revolutionære Alvor" der gennemgløder"). Ähnlich auch Nina Bang in dem oben in Anm. 1 genannten Schreiben ("De syntes meget fornuftige" [Sie zeigten sich als sehr vernünftig]) und ebd. genannten Artikel (S. 457): bei den russischen Delegierten "fand das Komitee nicht nur ein lückenloses proletarisches Klassengefühl, sondern auch die grösste politische Klugheit, Festigkeit und Reife. Diese Männer kannten genau ihre Ziele wie ihre Mittel; unbeirrt konnten sie fortschreiten, weil ihr Weg nach reiflicher Überlegung genau vorgezeichnet war, und sie redeten kein überflüssiges, kein unbedachtes, kein erregtes Wort". In einem Interview in Het Volk 16.7.1917, S. 1, bezeichnete Vliegen die russischen Delegierten als "schneidige Kerle" und "aufrechte Internationalisten, die die Lage richtig einschätzen". Vor allem Erlich sei "ein ruhiger, starker politischer Kopf". Zitate nach der Übersetzung, die der deutsche Gesandte von Rosen an den Reichskanzler Michaelis übersandte, in PA AA, WK Nr. 2 c, Bd. 6, S. 168-174. In seinen Berichten vom 4.7. und 6.7.1917, in PA AA, WK 2 c, Bd. 5, S. 81-87, 88-91, und abgedruckt bei Lademacher 1967/1, S. 525-527, 528-532, beschrieb Oscar Bam Rosanov, Goldenberg und Smirnov, allerdings negativer ("Typen russisch-jüdischer Revolutionäre", "aufdringlich in den Gesten", "sehr schwacher Internationalist", "Eindruck eines Träumers und schwachen Menschen"). Nach Wade 1967, S. 455f., waren Rusanov ("the main public spokesman") und Goldenberg ("one of the leading negotiators and speechmakers of the delegation") "die beiden dominierenden Mitglieder" ("the two dominant members"), Smirnov dagegen "das schweigende Mitglied der Delegation" ("the silent member of the delegation"). Rosanov bezeichnete in seinem Bericht vom 10.7.1917 Smirnov eher als eine Belastung, da er weder Sprachen beherrsche noch außenpolitische Kenntnisse habe, und bat um einen Ersatzmann; nach Stillig 1977, S. 241. - In einem Artikel in schwed. Social-Demokraten 9.11.1927 über die Verfolgung russischer Sozialdemokraten in der Sowjetunion wurde berichtet, daß Alexander Smirnov, 1917 Mitglied der russischen Delegation, im Gefängnis in Verchne-Uralsk gestorben sei, dies wurde auch in einer Überschrift hervorgehoben ("En av deltagarna i Stockholmskonferensen 1917 död i ett sovjetfängelse" (Einer der Teilnehmer an der Stockholmer Konferenz 1917 in einem swjetischen Gefängnis gsetorben].

3   Nicht festzustellen, um wen es sich da handelt.

4   Nach Nina Bang in ihrem oben in Anm. 1 genannten Artikel (S. 456), sei die russische Delegation nach Stockholm gekommen, nicht "um die Arbeit anderer zu zersplittern, sondern um die Arbeit zu sammeln". Ihnen sei auch bewußt gewesen, daß sie "die grosse organisatorische Arbeit bei der Einberufung der Konferenz" nicht allein leisten könnten, sondern sich "des ganzen proletarischen Apparates" der Internationale bedienen müßten. Auch Bam in seinem Bericht vom 6.7.1917, in PA AA, WK 2 c, Bd. 5, S. 88-91, und abgedruckt bei Lademacher 1967/1, S. 528-532, stellt außer Zweifel, "dass es den Russen um die Einberufung der Konferenz ernstlich zu tun ist". - Die Resolution des Arbeiter- und Soldatenrats, eine Delegation in die europäischen Länder zu schicken und dort einen Frieden ohne Sieger und Besiegte sowie ohne Annexionen und Kriegsentschädigungen vorzuschlagen stammte von Erlich, nach Portnoy 1990, S. 15-19. Die russische Delegation hatte nach Wade 1967, S. 456, und Wade 1969, S. 105, "a faily broad mandate", beschlossen nach heftigen Diskussionen im Arbeiter- und Soldatenrat. Sie konnte sich mit dem Holländisch-skandinavischen Komitee vereinigen, eine Zusammenarbeit mit der Zimmerwalder ISK erreichen sowie mit allen Richtungen der verschiedenen Parteien sprechen und diese überzeugen, an der Konferenz teilzunehmen. Die Plattform für die Konferenz faßte man abgesehen von der Formel eines allgemeinen Friedens ohne Annexionen und Kontributionen auf der Grundlage des Selbstbestimmungsrechts beispielsweise zusammen im Schreiben der Exekutive des Arbeiter- und Soldatenrats, gez. Tscheidse (Ccheidze) und Rosanov, an die MSPD, 23.6.1917, wiedergegeben in Bulletin des Arbeiter- und Soldatenrats Nr. 2, 30.6.1917, S. 1: "[...] machen wir Sie noch einmal darauf aufmerksam, dass die von uns einberufene Konferenz zur Voraussetzung hat, dass alle Teilnehmer sich bereit erklären, gemeinsam zu beraten und einen Beschluss zu fassen hinsichtlich der Schritte, welche geeignet sind, die proletarischen Massen zum Kampf gegen die imperialistischen Regierungen zu bewegen, um diese zu zwingen, ihre Kriegsziele aufzugeben. Weiter setzt die Konferenz voraus, dass alle Teilnehmer sich verpflichten, die Beschlüsse der Konferenz durchzuführen." In ihrer Antwort an Vandervelde, Thomas und Henderson am 13.6.1917, wiedergegeben in Bulletin des Arbeiter- und Soldatenrats, Nr. 4, 7.7.1917, S. 1-4, hieß es dagegen, man verlange von keiner Partei "als vorhergehende Bedingung der Einladung zur Konferenz eine Absage an die bisher von ihr befolgten Politik" und halte es für "unzweckmässig, dass einzelne Parteien als Bedingung ihrer Beteiligung an der Konferenz fordern, dass andere Parteien vorher erklären, sich irgendwelcher bindender Beschlüsse zu unterwerfen".

5   Nach dem oben in Anm. 1 nachgewiesenen Bericht von Rosanov am 10.7.1917 sei das Holländisch-skandinavische Komitee für die Formulierung eines Friedensprogrammes gewesen, aber die russische Delegation habe das Komitee davon überzeugen können, daß dies bedeute, die Beschlüsse der Konferenz vorwegzunehmen, also nicht angebracht sei.

6   Dies betonte zuvor auch Branting, siehe Nachweis Dok. Nr. P/42, Anm. 8.

7   Rosanov var negativ, Huysmans dagegen positiv, siehe Dok. Nr. P/47a. Borgbjerg weist in seinem "Brev fra Stockholm" [Brief aus Stockholm], datiert 5.7., in dän. Social-Demokraten 7.7.1917, S. 3, darauf hin, daß die Russen, auch wenn sie die Konferenz als "unnütz" ("unyttig") betrachteten, sich "diesem Wunsch nicht glaubten widersetzen zu können" ("ikke ment at kunne modsætte sig dette Ønske").