Sitzung des Holländisch-skandinavischen Komitees mit der Delegation aus Ägypten, 12. Juli 1917

Document nr: 
P/53
CHA, Dossiers, I 230, 1. Hschr. (Camille Huysmans), 3 S.1

Egypte

Jeudi 12 juillet

   Présents: Branting, Troelstra, Möller, Soderberg [Söderberg], CH. [Huysmans]

   1) C.H.[Huysmans]: entendre ad informandum

   2) Délégué Egyptien M. Farid Bey, Président Parti national Egyptien2 a) voudrait que la délégation puisse être entendue à la Conférence générale. b) il n'y a pas de parti socialiste en Egypte.

   3) Troelstra: a) nous n'avons pas l'autorité de le faire. C'est la conférence générale.

   b) Il faut le consentement de la délégation anglaise3

   c) On pourrait alors donc donner l'occasion à un délégué de parler.

   4) Branting: a) Si quelqu'un parle, il y a aussi contradiction.

   b) il suffit qu'il y ait une conversation pour commencer4

   5) Troelstra: accord sur ce dernier point

   6) Branting: La Société des nations résoudra le cas de l'Egypte.

   7) Farid Bey a) Nous demandons l'indépendance de l'Egypte.5

   b) L'unique lien avec Turquie était religieux.

   c) Le gouverneur était nommé par droit d'[... ? schwer lesbar]. Dynastie Hammid Arabi.

   L'investiture n'était pas une nommination. La Turquie ne ch[... ? schwer lesbar] pas.

   d) - Egypte payait une fixé tribut en forme d' [? schwer lesbar, weil Papier beschädigt ist] impôt à la Turquie.

   La Turquie a cédé le paiement de ce tribut à la maison Rotschild pour 60 ans. (- 1890)7

   8) C.H. [Huysmans] Il faut mieux rattacher l'Egypte à la question des canaux interocéaniques, mieux [... ? schwer lesbar] à une manoeuvre antianglaise7

   9) Farid Bey (10 juillet Stockholm Dagblad)8

   a) Défense de canal et liberté.9

   b) Les Egyptiens peuvent se d[... ? schwer lesbar] de paiement

   c) impôt pour passage libre = prix de liberté11

   d) le traité du canal: (1869 + 50 ans)

   [... ? schwer lesbar]

   e) le canal apporte 120 millions, en temps normal

   f) le pays est capable de dévelop.[ement] moderne.

   g) avons assemblée législative ayant voix délibérative élue à 2 degrés: influencée par gt [gouvernemen]

   1880 : 82: Parlement élu au S.[uffrage] U.[niversel]

   h) pas république.

   i) 13 millions, sans le Soudan.

   Décision memorandum envoyé au Congrès

   [... ? schwer lesbar] des canaux interocéaniques


Anmerkungen

1   Pressekommuniqué in Dok. Nr. P/53a. Siehe auch Bericht von Hermann Müller, 31.7.1917, in PA AA, WK Nr. 2 c, Bd. 7, S. 68-70. Tagebuch von Farid 1992, S. 435f. Zu den Sitzungen am 12.7.1917 auch Grass 2001, S. 44-46. - Huysmans soll den Tag der Komiteesitzungen mit den ägyptischen, persischen, türkischen und indischen Delegationen als "Tag der Barbaren" bezeichnet haben, so nach einem Reisebericht zitiert bei Höpp 1991, S. 838. - Zu weiteren Aktivitäten der Ägypter in Stockholm im September bis November 1917, u.a. zusammen mit anderen islamischen Vertretern, siehe Dok. Nr. P/75a.

2   Zum Aufenthalt von Mohamed Farid (1868-1919) in Stockholm und seinen Aktivitäten siehe Tagebuch Farid 1992, 428-437; Trefzger 1970, S. 47-67 (vor allem in der Schweiz); Rathmann 1974, S. 10-12; Kramer 1986, S. 56-59; Landau 1994, S. 130-132. Zur ägyptischen Nationalpartei Goldschmidt 1968 und Vatikiotis 1969, S. 213ff. Dort auch zur Rolle von Farid und des Ägypters Scheik Abd al-Aziz Shawish (1872?-1929), der mit Farid zusammenarbeitete, aber mit ihm wegen seiner pan-islamistischen Ausrichtung auch Kontroversen hatte; er kam ebenfalls nach Stockholm, siehe Dok. Nr. P/75a. Zur deutschen Nordafrikapolitik im Weltkrieg Müller 1991, der auf S. 280-286 die Tätigkeit von Shawish behandelt; auch Höpp 1991, dort zu Shawish S. 833f. - Farid kam am 26.5.1917 nach Stockholm und blieb dort bis zum 29.7. Wegen einer notwendigen Kur brach er seinen Aufenthalt ab, kam aber im September zurück, siehe dazu Dok. Nr. P/75a. Über die Stockholmer Konferenz war er laut Tagebuch in Berlin am 3.5. von den deutschen Sozialdemokraten (MSPD) Eduard David, Albert Südekum und Paul Lensch informiert worden. Farid beabsichtigte, vor und während der Stockholmer Konferenz in einer großen Kampagne die Wahrheit über die ägyptische Frage und das Verhältnis zur Türkei zu verbreiten. Unterstützung der türkischen Gesandtschaft wurde ihm zugesichert. - Farid nahm auch an den Aktivitäten der "unterdrückten Nationen" teil, dazu Zetterberg 1978, S. 215ff., bes. S. 219-221. In einem Schreiben von Michael von Tseretelli am 29.5.1917, in PA AA, WK Nr. 2 c, Bd. 1, S. 5f., zu dieser Tätigkeit wurde erbeten, deutscherseits "so schnell wie möglich die richtigen Vertreter Aegyptens und Nordafrikas hierher zu schicken". - Ein Kontakt mit der MSPD in Stockholm wird in der Tagebucheintrag von Eduard David am 9.6.1917 genannt, in David 1966, S. 233: "Nachmittags Besprechung mit Ägypter durch Sassenbach". - Farid gab in Stockholm ein Bulletin du Parti national egyptien heraus. In der Stockholmer Presse bekam er Kontakt besonders mit der konservativen Zeitung Stockholms Dagblad, worauf er auch in seinem Tagebuch verweist, Farid 1992, S. 435; dort u.a. Artikel am 10.6.1917, S. 3, Interview 12.10. S. 7, und Artikel am 9.11., S. 10, nachgewiesen in den folgenden Anmerkungen unten. Die beiden letzteren auch veröffentlicht in Bulletin du parti national egyptien, I, 31.10.1917, S. 22-23, und Nov. 1917, S. 29-31. Siehe auch Manifest und Memorandum, nachgewiesen unten in Anm. 4, sowie Nachweis in Dok. Nr. P/72a, Anm. 13.

3   Dies wurde auch der indischen Delegation empfohlen, Dok. Nr. P/55, Anm. 11.

4   Nach Farids Tagebuch, Farid 1992, S. 435f., habe man bereits in Vorgesprächen darauf verwiesen, daß er an der Konferenz nicht teilnehmen könne, weil er keine sozialistische Partei vertrete, aber er könne im Komitee seinen Standpunkt vortragen und anschließend dem Kongreß einen Bericht zustellen. "I might perhaps then be allowed to speak in the Congress without having a voice in the deliberations. This was what I had expected". Im Komitee habe er dann lange, ausführlich und deutlich vorgetragen. "They expressed sympathy and leaned in our favor". - Am 26.7.1917 hat Mohamed Farid die ägyptischen Forderungen in einem "Appel du parti national egyptien au congrès international socialiste de Stockholm 1917", dat. 23.7.1917, schriftlich übermittelt, Brief in CHA, Stockholm, Corr., Juli 1917, Nr. 105, und Manifest in CHA, Dossiers, I, 207; auch in Stockholms Dagblad 25.7.1917, S. 8. Ein weiteres Memorandum, "Mémoire du parti national Egyptien aux gouvernements des deux groupes belligérants et des pays neutres", wurde am 10.10.1917 verfaßt; abgedruckt in Stockholms Dagblad 20.10.1917, S. 10; Bulletin du Parti national égyptien, I, 31.10.1917, s. 13-18; liegt auch als Broschüre vor (Stockholm 1917), herausgegeben vom Bureau der ägyptischen Nationalpartei. Dies ist als ägyptisches Memorandum aufgenommen in Stockholm 1918, S. 385-389. - Bei diesen Manifesten handelt es sich um verschiedene, an unterschiedliche Adressaten gerichtete Stellungnahmen, auch wenn jeweils einige Abschnitte und Sätze wörtlich übereinstimmen, wie auch die grundlegende Forderung nach Selbstbestimmung. Im Memorandum vom 10.10. richtet sich Farid in erster Linie an England und die Entente, das Verhältnis zur Türkei wird angesprochen, und der historische Überblick ist ausführlicher. Im Interesse eines allgemeinen Friedens und des Rechts sowie konkreter Interessen hinsichtlich des Suez-Kanals sollten die Mächte dazu gebracht werden, die von der Nationalpartei vertretene Auffassung von der notwendigen Aufhebung der britischen Okkupation Ägyptens und des gesamten Niltals zu unterstützen. Im Manifest vom 23.7. geht Farid ausführlich von den sozialistischen Prinzipien des Selbstbestimmungsrechts, des nationalen Befreiungskampfes der "unterdrückten Nationen"gegen die imperialistischen Großmächte und der sozialistischen Forderung nach einem Frieden ohne Annexionen und Kontributionen aus. Er betont die grundlegenden Rechte jeder Nation, die keine Großmacht, durch welche Verträge auch immer, außer Kraft setzen könne, wie es England im Falle Ägyptens getan habe. Kein Land könne das Eigentum eines anderen sein. "La liberté des peuples est inalienable et impréscriptible". Der Kongreß müsse die Ungerechtigkeit der auf "force brutale" basierenden englischen Okkupation aufheben. Farid hebt auch hervor, daß er diese Forderungen auf früheren Friedenskongressen und anderen Kongressen vorgelegt (1910, 1912, 1914) und dort Unterstützung bekommen habe, z.B. auf dem Friedenskongreß in Genf 1912, dessen Resolution zur ägyptischen Frage ausführlich zitiert wird. Nach Behandlung der Frage des Suez-Kanals, entsprechend der Stellungnahme im Memorandum vom 10.10., die abschließende Forderung: "Enfin, c'est au nom des principes chers aux socialistes et qui doivent former la base de la société future des nations, que nous réclamons la libération de notre chère Patrie, la liberté de nous gouverner nous-même, de reprendre la place que nous avions déjà en 1882 au milieu des nations libres. Vive l'Egypte aux Egyptiens!". - Warum Huysmans das Memorandum vom 10.10. in das Buch über Stockholm aufgenommen hat und nicht das Manifest vom 23.7. ist nicht bekannt; vielleicht wegen der etwas allgemeineren, "diplomatischeren" Formulierungen oder vielleicht nur, weil es aktuelleren Datums war. - Farid wandte sich nach der Oktoberrevolution an Lenin, um von dort Hilfe für die ägyptischen Fordeungen zu bekommen, und legte der Berner Sozialistenkonferenz im Februar 1919 eine Denkschrift über Ägypten bei. Dies waren jedoch ergebnislose Bemühungen. Dazu Trefzger 1970, S. 61-67; Rathmann 1974, S. 11f.; Höpp 1991, S. 839-841.

5   Farid 1992, S. 436: Man habe ihn gefragt, ob er für völlige Unabhängigkeit oder für Autonomie sei. Die Antwort sei schwierig gewesen. Die eine Forderung hätte ihm in der Türkei Nachteile gebracht ("give my enemies a quotable weapon with which to fight against me in Istanbul"), die andere hätte ihn vor den Sozialisten desavouiert, die für das Selbstbestimmungsrecht einträten. "I gave an ambiguous reply, therefore, saying: The Empire's souverainty is only nominal. It has never intervened in our affairs since the time it granted us internal autonomy in 1840, although we in any case wish to rule ourselves by ourselves in accordance with your principle". - Die Stellung zur Türkei wird im Manifest vom 23.7.1917 nicht genannt, im Memorandum vom 10.10. nur im abschließenden Satz gestreift; beide nachgewiesen oben in Anm. 4. Es heißt in letzterem: "Notre Parti demande à notre gouvernement ottoman et à ses alliés de soumettre la question de l'Egypte au prochain congrès de la paix pour la régler définitivement dans l'intérêt de la nation egyptienne, dans celui de la Sublime Porte et du monde civilisé". In Farids Artikel in Stockholms Dagblad 10.6.1917, S. 3, der die Befreiung Ägyptens fordert, ist von einer Rückkehr zum "Status quo ante 1882" die Rede, d.h. "vollständige Freiheit nach innen unter der Souveränität des Sultans" ("fullständig frihet inåt under sultanens suveränitet"), eine Entente zwischen Konstantinopel und Kairo, ein neuer Modus vivendi, der vollständige Autonomie auch in militärischer und ökonomischer Hinsicht garantiere.

6   Die Frage des ägyptischen Tributs wird in Farids Tagebuch besonders genannt. Die türkische Regierung habe diesen Tribut an die Rotschild-Bank in London übertragen, und Ägypten habe das akzeptiert. 60 Jahre lang, nach Farids Erinnerung von 1890 bis 1950, werde man bezahlen, d.h. diesen Vertrag nicht brechen. Farid 1992, s. 436. In den beiden Memoranden, nachgewiesen oben in Anm. 4, taucht diese Frage nicht auf.

7   Von deutscher Seite war man ab Mai 1917 an einer ägyptischen Vertretung in Stockholm interessiert, wie aus den Akten des AA hervorgeht, u.a. PA, AA, WK Nr. 2 geh., Bd. 36, 148, 203f., 247, 256-258; WK Nr. 2 c, Bd. 4, S. 112; Bd. 9, S. 4f, 7, 56, 58, 139; Bd. 10, S. 67-9, 80-82. Dazu Fischer 1964, S. 148-152; Rathmann 1974.

8   Stockholms Dagblad 10.6.1917, S. 3, Artikel "Ett inlägg för Egyptens frigörelse" [Eine Stellungnahme für die Befreiung Ägyptens]; daraus zitiert in der folgenden Anmerkung.

9   In dem oben in Anm. 8 nachgewiesenen Artikel werden die Befreiung Ägyptens und die Frage des Suez-Kanals gekoppelt: ein Friede, der nicht sowohl die Freiheit Ägyptens als auch die Neutralität des Suezkanals garantiere, sei nur ein unvollständiger Friede. Nur ein autonomes, freies Ägypten könne sich militärisch und finanziell so entwickeln, daß eine Verteidigung des Suezkanals im Interesse aller garantiert werden könne. Englands Okkupation bedrohe dagegen den Kanal und den Weltfrieden. Im gleichen Sinne auch im Manifest vom 23.7.1917, nachgewiesen oben in Anm. 4. Eine echte Neutralisierung ("neutralité effective"), nicht wie jetzt eine illusorische, setze eine Räumung Ägyptens und des Niltals voraus. Ein neutralisierter Suez-Kanal bedeute Freiheit des internationalen Handels und der Meere. Siehe auch Artikel von Mohamed Farid "Suezkanalens neutralitet" [Die Neutralität des Suezkanals] in Stockholms Dagblad 9.11.1917, S. 10, in dem auch aus dem Manifest vom 23.7.1917 zitiert wird; abgedruckt in Bulletin du Parti national egyptien, Nov. 1917, S. 29-31.

11   Im oben in Anm. 4 nachgewiesenen Memorandum vom 10.10.1917 heißt es dazu: "L'Egypte peut promettre à l'Europe que, lorsque la propriété du canal lui revient, à l'expiration de la concession de la société actuelle, elle renoncera à en faire une source de revenus et se contentera seulement d'un minime droit de passage pour l'entretien du canal. De ce chef, l'Egypte perdrait 200 millions de francs par an au bas mot; mais elle accepterait volontiers ce sacrifice au profit du commerce international comme prix de rachat de sa liberté. [...]. Je suis persuadé qu'aucun Egyptien ne reculerait devant ce sacrifice pour libérer le territoire national et en garantir l'indépendance". - Im Manifest vom 23.7.1917 ist das einleitende Versprechen etwas anders formuliert, ansonsten gleichlautend. Es heißt: "L'Egypte sera chargé par toutes les Puissances de la garde de ce passage qui sera en quelque sorte internationalisé. Ainsi l'intérêt de toutes des nations utilisant ce passage s'accorde avec celui de l'Egypte pour assurer sa libération". Es wird auch darauf verwiesen, daß der Lösungsvorschlag nicht neu, sondern bereits 1910 auf einer Konferenz in Paris vorgelegt worden sei.