Sitzung des Holländisch-skandinavischen Komitees mit der Delegation der Polnischen sozialdemokratischen Partei Galiziens und Schlesiens, 26. Juli 1917

Document nr: 
P/58
ARAB, Holländsk-skandinaviska kommittén, Box 1. Hekt. 5 S.1

Auszug.

MEMORANDUM DER POLNISCHEN SOZIALDEMOKRATISCHEN PARTEI GALIZIENS UND SCHLESIENS.

   Das holländisch-skandinavische Komitee empfing am 26. Juli, Ignacy Daszynski,2 Delegierter der polnischen sozialdemokratischen Partei Galiziens und Schlesiens, welcher folgendes Memorandum uebermittelte:

   Die Delegierten der Polnischen Sozialistischen Partei (P.P.S.) in Warschau können in Stockholm nicht erscheinen, da ihnen die kaiserlich deutschen Okkupationsbehörden die Pässe verweigerten.3

   Dieses Memorandum wird deshalb blo[s] im Namen der Polnischen Socialdemokratischen Partei Galiziens und Schlesiens (P.P.S.D.) dem Holländisch-Skandinavischen Komitee in Stockholm vorgelegt mit der Bemerkung, dass beide Parteien seit sechsundzwanzig Jahren gemeinsam Vertretung in der Internationale bilden und trotz der Teilung Polens die Einheitlichkeit des Kampfes um die Befreiung ihrer Nation anerkennen und durchfuehren.4

   [...]5

Stockholm am 26. Juli 1917.

Ignacy Daszynski.

Delegierter der Polnischen Socialdemokratischen Partei Galiziens und Schlesiens.


Anmerkungen

1   Auch in CHA, Stockholm, N. & C., Juli 1917:3, hschr. deutsch und mschr. franz. mit hschr. Verbesserungen; IISG, Collection Deuxième Internationale, 239; PA AA, WK 2 c, Bd. 7, S. 72-74, 123-127 (Abschrift auf deutsch); schwed. Social-Demokraten 3.8.1917, S. 1 u. 6. Es ist ohne Datum und Unterschrift abgedruckt in Stockholm 1918, S. 135-138. Kurzfassung bei Brügel 1925, S. 298. - Zur polnischen Delegation, ihren Forderungen und allgemein zur polnischen Frage im Zusammenhang mit der Stockholmer Konferenz siehe den Beitrag von Feliks Tych, Die Stockholmer Konferenz 1917 und die polnische Frage, auf einer Konferenz in Stockholm, 2.-3.12.1987, besonders S. 7-9; Irena Koberdowa, Jan Tomicki, Jerzy Myslinski, Die Stockholmer Konferenz - Vorbereitungen und Ergebnisse, Beitrag zu derselben Konferenz, S. 5-7. Tyck stützt sich auf die Memoiren von Hermann Diamand (Bd. 1, Kraków 1932, und Bd. 2, Warschau 1957) und auf den Nachlaß von Diamand, CA KC PZPR, Warschau. Koberdowa/Tomicki/Myslinski stützen sich auf das von Myslinski herausgegebene Tagebuch von Daszynski (Warschau 1986). - Nach Tych fand das Gespräch mit dem Komitee am 14.7.1917 statt, und am 26.7. erfolgte nur die Abgabe des Memorandums. In dem eingesehenen Material ist kein Hinweis auf eine Sitzung am 14.7. - Die sozialdemokratische Partei Galiziens und Schlesiens war durch Diamand schon auf den Komiteesitzungen mit der österreichischen Delegation am 25.- 26.5. vertreten, siehe Dok. Nr. P/21 und P/22. Siehe auch Diamand "Was wollen die polnischen Sozialdemokraten?", in Internationale Korrespondenz (IK), Nr. 62, 28.12.1917, S. 477-480 (nach Naprzód), und dort vor allem zur "Deannnexion" Galiziens. - Zur polnischen Frage in Österreich 1917/1918 siehe Meckling 1969, S. 165-220, dort S. 183-185 zu Galizien.

2   Daszynski bekam eine Ausreisegenehmigung mit Zustimmung des österreichischen Außenministers Czernin. Er hat wie zuvor auch Hermann Diamand auf dem Weg von Krakow nach Stockholm in Berlin Gespräche mit der MSPD (Scheidemann und David) geführt; siehe die oben in Anm. 1 nachgewiesenen Beiträge von Tych, S. 8, und Koberdowa/Tomicki/Myslinski, S. 5.

  

3   Siehe den oben in Anm. 1 nachgewiesenen Beitrag von Tych, S. 2f., 8. - Der Verwaltungschef im Generalgouvernement Warschau schrieb am 27.7.1917 an das AA, in PA AA, WK Nr. 2 c, Bd. 7, S. 71, daß Feliks Perl, Bronislaw Ziemiecki, Barlicki, Arciszewki von der PPS die Reise nach Stockholm ermöglicht werden solle. Perl und Zimiecki hätten schon eine Genehmigung, aber ersterer sei "flüchtig", letztere seien "in Haft". Es werde versucht, einem Anhänger von Lemicki [Lewicka, der PPS/Linken], Ludwik Kulcycki, die Ausreise zu ermöglichen; er sei "zuverlässig". - Die Sozialdemokratische Partei Polens und Lithauens/Linke boykottierte im Anschluß an die Bolschewiki und die Zimmerwalder Linke die Konferenz. Allerdings wollten die führenden Vertreter der Partei, Rosa Luxemburg und Julian Marchlewski-Karski, nach Stockholm gehen. Zur erwarteten Beteiligung von Rosa Luxemburg siehe Nachweise in Dok. Nr. P/31a, Anm. 25.

4   Dies betont auch Tych, nachgewiesen oben in Anm. 1: "Formell gesehen, war die Stellungnahme Daszynskis nur die der PPSD-Galiziens - de facto war das aber auch die Stellungnahme der polnischen Sozialisten im ehemaligen russischen Teilungsgebiet, seit 1915 völlig besetzt durch die Zentralmächte". Koberdowa/Tomicki/Myslinski, S. 5, nachgewiesenen ebd., sprechen vom "auch von der Polnischen Sozialistischen Partei bestätigten Memorial"

5   Die wichtigsten Forderungen: Unter Hinweis auf "ein sehr bewegtes nationalpolitisches Leben" der Polen wird unter Berufung auf das Selbstbestimmungsrecht auch für das polnische Volk Freiheit und Unabhängigkeit, "das freie, unabhängige, vereinigte Polen", gefordert, nicht nur eine eingeschränkte kulturelle Autonomie. Dieses Recht werde auch "einer jeden Minorität im polnischen Staate" - genannt werden deutsche, jüdische und ukrainische - eingeräumt. Weiter wird für Polen "Wiederaufbau des Landes durch gemeinsame Hilfe" verlangt. - Zusammenfassung auch in den oben in Anm. 1 nachgewiesenen Beiträgen von Tych, S. 8f., und Koberdowa/Tomicki/Myslinski, S. 5f. Nach Tych war das Memorandum "weder nach dem Sinne der deutschen sozialdemokratischen Führer noch des Grafen Czernin", der die Ausreise befürwortet hatte. - In einem Gruß zur russischen Revolution ("Appel du Parti socialiste polonais aux ouvriers russes") am 5.4.1917, unterzeichnet vom Comité Central Ouvrier du Parti Socialiste Polonais, hatte man die Unabhängigkeit von Polen und Litauen und einen völlig unabhängigen polnischen Staat gefordert. In ABA, SDF, 823. - Siehe auch Dok. Nr. P/60c, Anm. 5.