Sitzung des Holländisch-skandinavischen Komitees mit der Delegation von Poale Zion, 26. Juli 1917

Document nr: 
P/60a
CHA, Stockholm, N. & C., Juli 1917:3. Hschr. (Arthur Engberg), 25. S.1

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Les Zionistes

(Poale Zion)

Le 26 juillet 1917.

   Troelstra begrüsst d.[ie] jüd.[ischen] Genossen.

   Chassanowitz:2 Die Judenfrage eine internat.[ionale] Frage,3 die nur durch ein[e] Umwandelung d.[er] jüd.[ischen] Volksseele gelöst werden kann. Die Frage muss auf d.[em] int.[ernationalen] Friedenskongr.[eß] behandelt werden. Eine Frage nicht nur d.[es] Rechts od.[er] Unrecht[s] sonden eine Volksfrage. Wir haben kein Land. Die Berufsgliederung unnormal. Deshalb Widerstandsfähigkeit schwach. Die Jud[en] können ihre Frage nur in einem System von verbrüd.[erten] Völkern gelöst werden. Der Krieg grosse Leiden für d.[ie] Jud.[en] gebracht. Die russ.[ische] Rev.[olution] bedeutet für uns ungeheueren Fortschr.[itt] Denn dadurch sind d.[ie] Juden menschlich eman[z]ipiert in Russl.[and] Aber wir wollen auch bürgerl.[iche] Gleichberecht.[igung] So in Polen. - In Galizien ungeheuer[e] Verfolg.[ung] geg.[en] d.[ie] Juden. Die Juden sind verurteilt als Individ.[uen] zu gelten. In Oesterreich haben Juden Gemeinden aber sie müssen Organe besitzen. In Galizien die Frage wie ein jüd.[ischer] Bund geschaff.[en] wer[den] kann. Jüd.[ische] Autonomie mit Steuerrecht und Deklarationsrecht und eigene Regelung für d.[ie] jüd.[ischen] Angelegenheiten. Dies gilt für die Juden wo sie in Massen leben.4 Wir haben eine Massenarmut die ohne ein Organ nicht geregelt werden kann. Wir wollen auch unsere Kultur entwick.[eln] können. Desh.[alb] nation.[ale] Aut.[onomie] Aber auf nat.[ional]-person.[aler] Grundl.[age] Die Frage d.[er] Regelung fordert überall für d.[ie] Minderheiten nat.[ional]-person.[ale] Union.5 Wir finden dass die nat.[ionale] Frage durch territ.[oriale] Aut.[onomie] verschärft wird. Z.B. als Galizien Amt. [Autonomie] wollte dann haben d.[ie] Ukrainer einen Notschrei [getan] denn d.[ie] Gefahr bestand dass sie vergewalt.[igt] werden. Ebenso mit d.[er] Unabh.[ängigkeit] von Polen. Wir sind Freunde davon. Aber wir wissen dass d.[ie] poln.[ischen Bürger] für d.[en] Verzicht d.[er] Juden auf eig.[enes] Recht sind. Wenn die nat.[ionale] Frage für d.[ie] nat.[ionalen] Minderheit.[en] gelöst ist dann kommt also die Gefahr. Z.B. in Russl.[and] Die Völker werden auton.[om] Da hatten wir früher nur einen Feind, nun viele. Wir können verstückelt werden. In jeder Provinz Gefahr d.[er] Vergewalt.[igung] Wir fordern desh.[alb] dass wie d.[er] Kongr.[eß] d.[es] Soviet beschl.[ossen] hat d.[as] Selbstbest.[immungs]recht ausgedehnt werden muss. Die Juden müssen in ihren Rechten geschützt werden. Dies unsere Diaspora-forderungen. In Bez.[ug] auf Palästina fordern wir folgendes:6

   Geschichte d.[er] Juden d.[ie] Gesch.[ichte] aller Völker denn wir sind überall zerstreut. Wir vergessen nicht unsere geist.[ige] Verbind.[ung] mit Palästina. Wir müssen selbst nach Palästina gehn und es kolonisieren. Wir kennen d.[ie] Lage. Aber d.[er] Krieg hat bewiesen die Notw.[endigkeit] ein eig.[enes] Land zu besitzen. England wäre z.B. weiter gekommen wenn es ein einziges Land bildete. Bin überzeugt dass d.[ie] extreme Industr.[ialisierung] nach d.[em] Kriege unmögl.[ich] ist. Die Kolonisation ein grosses Bedürfn.[is] jeden Volkes. Man hat in Russland Juden kolonisiert. Das eine Notwendigkeit. Von d.[en] and.[eren] Völkern kann [können] wir Wohlwol[l]en verlangen. Wir wollen keine Hemmnissee dieser Kolonisationspol.[itik] Unterschied zw[ischen] Kolonialpol.[itik] u.[nd] Kolonisierungspol.[itik]. Wir verwerfen die erste, wollen die letztere. Der Übergang zur Produktionsarbeit ein Fortschritt. Keine Verwechsl.[ung] zu machen zw.[ischen] gleichlaut.[enden] Worten.

   Es sind 30 grössere Kolonien in Palästina. Bestehen seit 30 Jahren. Die Kolonisten bilden eine Zahl von 10,000. Da widmen sie sich d.[er] Landwirtschaft. Ungeheure Schwierigkeiten zu überwinden. Die türk.[ische] Reg.[ierung] [hat] allerlei Schikanen gemacht. Den Bauern 13% ihres Butterertrags abgenommen als Steuer. Der Jude kann nicht zur Stufe eines Tieres herabsinken. Wir verlangen Beseitig.[ung] d.[er] Beschr.[änkung] der Kolonisation. Moderne Rechtsverhältnisse verlangen wir. Wir verlangen dass Palästina ein einheitliches z[um] Begriff wird. Nun Verwalt.[ungs]-Gebiete die nicht zusammenhängen. Weiter verlangen wir das Recht auf Arbeit. Wir wollen das Recht d.[er] Tätigkeit. Im Interesse d.[er] europ.[äischen] Völker dass Paläst.[ina] d.[er] europ.[äischen] Kultur geöffnet wird. Die Weltprodukt.[ion] muss geregelt werden. Dies fordert auch dass man unser[e] Interessen hier berücksichtigt.

   Huysmans: Die erste Frage ist d.[ie] Frage d.[er] Autonomie. Die zweite Frage eine palästinische Frage. Denken Sie dass auch diese zweite in d.[ie] Konferenz [ge]hört?7

   Chass.[anowitz] : Ja.

   Huysmans: Hier nicht nur eine Regelung eines Faktums sondern eine Initiative von d.[en] Juden selbst. Wie kann sich eine Friedenskonf.[erenz] damit befassen?

   Chassanowitz: Wir haben 130,000 Juden in Palästina. Es sind 10,000 Bauern darunter.

   Borochow: Wir verlangen die Beseitigung der Hindernisse, die hier im Wege stehen. Wir verlangen nicht einen jüd.[ischen] Staat in Palästina sondern die Aufhebung d.[er] Einschränkungen. Die Juden sind das einzig[e] wirtschaftsfähige Element8 in Palästina. Wir verlangen nur, dass man uns nicht stört.

   Troelstra: Einerseits macht man Bestimmungen zugunsten eines bestehenden Teils. And[e]rerseits will man eine künstliche Einwanderung aus anderen Ländern [Verb fehlt - aufheben?].

   Huysmans: Was man der Türkei fragt was hier ist so gilt das abgesehen von den Juden. In Brasilien wird dies[es] Problem akuter als anderswo. Je mehr Leute da kommen desto grösser wird das Bedürfnis nach Kultur.[autonomie] Wird's negativ gehalten und mit nötiger Vorsicht, dann wird's gut gehen.

   Troelstra: Wie d.[ie] Frage jetzt gestellt wird so wird sie von der Judenfrage gelöst. Wird d.[ie] Frage mehr im Rahmen d.[er] Handelsfreiheit u.[und] d.[er] Emigrationsfreiheit behandelt wird so ist es besser. Besser die Frage nicht mit der Judenfrage zu verquicken.

   Chassanowitz macht eine Übersicht über die Disposition ihres Gutachtens.9

   Serubawel [Zerubawel]: Wir wollen die Frage nicht nur als eine allgemeine internat.[ionale] Frage stellen. Die jüdische Frage ist nicht zu lösen nur in einem allgemeinen demokrat.[ischen] Rahmen. Wir meinen dass das Selbstbestim.[mungs]recht d.[er] Völker durchgesetzt werden muss. Aber das ist nicht status quo. Palästina ist besetzt und die da wohnende Bevölkerung muss nicht selbst da entscheiden. Palästina 80,000 Kvadratkilometer. Aber da kommen nur 9-11 Personen pro Kilometer. In Ägypten 31 Personen pro Kmetr [Kilometer]. Die Türken wollen überall herrschen. Deshalb leiden sie die anderen Elemente nicht.

   Der Punkt von Palästina ist doch auf einem extra Judenkongr.[eß] in Amerika berücksichtigt worden.10 Weil sie meinen dass die Judenfrage nicht eine Frage nur im Kriege ist sondern eine bleibende nach wie vor. Die Zahl der Einwohner ist 3/4 Millionen. Die anderen sind meist Araber. Zur Zeit bei Zerstörung des Tempels hatte Paläst.[ina] etwa 4 Millionen Einw.[ohner]

   Huysmans: Mich interessiert dass d.[ie] jüd.[ische] soz.[ialistische] Gemeinde einverstand.[en] ist über die erste Frage, über Kulturautonomie also. Die administr.[ative] Autonomie wie denken Sie sich diese?

Chass.[anowitz] : Trägt die Beantw.[ortung] der Frage der Autonomie vor aus dem geschrieb.[enen] Gutachten.11 Wir verlangen dass die Erde d.[er] Menschheit gehört. Deshalb verlangen wir freie Kolonisation in allen Ländern. Wirksame Durchführung d.[er] Pol.[itik] d.[er] off.[enen] Thür u.s.w. Die Kolonialpol.[itik] [Kolonisationspolitik] ein demokrat.[isches] Verlangen. Palästina kann auf Grund d.[er] Landwirtsch.[aft] 4 Mill.[ionen] Menschen ernähren. Nun giebt's da nur 1 Million. Wir wollen niemand verdrängen. Wir wollen nur Betätigungsfreiheit. Jede Nation muss selbst entscheid.[en] ob sie frei sein will oder nicht. So betr. d.[er] Polen, d.[er] Elsässer u.s.w. Innerhalb d.[er] jüd.[ischen] Part.[ei] streiten wir uns ob wir mehr verlangen werden aber vor der Welt verlangen wir Autonomie. Die nat.[ionalen] Autonomien bilden zusammen ein System. Wir finden dass es unsinnig wird die Frage d.[er] Juden auf eine Kulturfrage zurückzuführen. Wir brauchen nicht nur Kultur sondern auch Brot.12 Die Frage d.[er] Nationen in Belgien z.B.: auch da muss wohl die Auton.[omie] angewandt werden. Vielleicht d.[ie] Frage nicht akut für Belgien. Aber uns wird in Galizien z.B. die eigene Schule geweigert: Im [Jahre] 1910 konstatierte man dass die Judennot im Lande ungeheuer war.

   Troelstra: Stellen Sie sich vor dass d.[ie] Konfer.[enz] nur 14 Tage dauern kann. Da müssen grosse und akute Fragen behandelt werden. Einige Tage müssen d.[er] Schuldfrage gewidmet werden. Wir müssen uns so viel als mögl.[ich] beschränken. Sollen d.[die] Juden als eine Nation betracht.[et] werden?

   Ja, wenn d.[ie] verschied.[enen] Org.[anisationen] darüber einig sind. Die Juden in Amerika sind dafür. Der jüd.[ische] Arb.[eiter] Bund auch dafür. Keine Schwierigkeit also Einigkeit zu finden in diesem Punkte.

   Aber dann die paläst.[inensische] Frage. Diese Frage schwierig. Die türk.[ischen] Genossen haben gesagt dass die Zionistische Frage für sie eine sonderbare Frage ist.13 Sie verstehen dass d.[ie] Juden zu Paläst.[ina] zurückwollen aber sie verstehen nicht dass ihre (d.[ie] türk.[ischen]) Verhält.[nisse] deshalb geänd.[ert] werden müssen. Sie weisen darauf [hin] dass d.[ie] Türkei keine grossen jüdischen Massen haben. Weshalb sollte also d.[ie] Türkei sich hier opfern. Leichter, wenn man kein gewisses Land für sich auswählt. In der Konferenz wird darüber eine ausführl.[iche] Debatte kommen müssen. Wenn Sie sagen dass Freiheit d.[er] Einwand.[erung] in allen Ländern festgelegt werden muss so giebt's Schwierigkeiten. In Stuttgart haben wir d.[ie] Emigrantenfrage behand.[elt]14 Wir haben uns dahin ausgespr.[ochen] dass d.[ie] Arb.[eiter] eines jeden Lande[s] für d.[ie] Freiheit d.[er] Einwand.[erung] zu arbeiten [haben]. Es ist ein Eingr.[iff] in das Selbstbest.[immungs]recht eines Volkes gezwungen zu sein Einwanderung zuzulassen. Wenn Kolonisation wird so kostet es Geld. Woher das Geld? Es kommt dann zustande eine Interessesfäre [Interessensphäre] und da fragt sich, ob jeder Staat gezwungen sein muss dies zuzugeben. Sehr wünschenswert, wenn Sie über die nat.[ionale] Frage im allgemeinen eine Aussprache haben konnten [könnten].

   Chassan.[owitz] In Bez.[ug] auf Freiheit d.[er] Einwand.[erung] fordern wir nur diese Freiheit hinsichtl.[ich] der Länder die dünn bevölkert sind. Kein Eingriff wenn jede Kolonie so selbst erklärt wird dass sie sich absperren kann. Wir wollen nicht d.[ie] Verkrüppelung d.[er] Produktion sondern ihre Freiheit. Wenn wir d.[ie] Forder.[ung] auf Freiheit d.[er] Einwand.[erung] in dem Sinn erheben so gilt es auch Palästina. Die Türkeit hat kein Recht d.[ie] ungeheuren Strecken die sie beherrscht abzusperren. Wir haben die Millionäre zu Gegnern in dieser Frage. Wir haben 20 Millionen Francs für d.[en] Nationalfond gesammelt.15 Das Land muss dem Volke gehören. Die Juden könnten sich doch nicht als Werkzeuge brauchen lassen. Die sind dazu zu national gesinnt.

   Huysmans: Was kann dieser Kongress in dieser Frage tun? Denken Sie wirklich dass eine Einkorporierung dieser zweiten Frage in einer Resolution glücklich ist? Ist es prakt.[isch] mögl.[ich] die paläst.[inensische] Frage zu lösen.


Anmerkungen

1   Dort auch hschr. Notizen von Huysmans (3 S., franz.); Notizen von Troelstra, dat. 27. Juli, IISG, NL Troelstra, 423; Erklärung und Pressekommuniqué siehe Dok. Nr. P/60b-c. - Nach den Notizen von Huysmans waren neben den drei im Protokoll genannten Vertretern von Poale Zion, Leon Chasanovitch, Ber Borochow und J. Zerubawel, sowie Troelstra und Huysmans auch Branting und Engberg anwesend. Die Sitzung endete um 19 Uhr. Zur Delegation von Poale Zion gehörten auch Michel (Shlomo) Kaplanski, Berl Locker, Mark Jarblum und B. Weltmann; letzterer war nicht in Stockholm. In schwed. Social-Demokraten 28.7.1917, S. 4, wurde Poale Zion, der Jüdische sozialistische Arbeiterverband, kurz vorgestellt. Der Verband, der auch ein zionistische Programm habe, habe Organisationen in Rußland, Polen, Österreich, Bulgarien, England, der Schweiz, Palästina, USA und Argentinien und sei "die einzige jüdische Arbeiterorganisation, die Weltcharakter habe" ("den enda judiska arbetarorganisationen, som har en världskaraktär"). - Zur Sitzung und zu den Forderungen von Poale Zion Jarblum 1933, S. 11-14; Keßler 1994, 103f.; Kelemen 1996, S. 332, 338; Geldof 1996, S. 323-325, der u.a. auf die "doppelte Rolle" von Kaplanski hinweist, Delegationsmitglied und im Holländisch-skandinavischen Komitee beteiligt an der Zusammenfassung der Forderungen der Delegationen und damit der Ausarbeitung des Friedensentwurfs; zu Kaplanski ebd. S. 321, Anm. 57. Biografische Angaben zu ihm auch in Ritter 1980, S. 641, Anm. 113; dort auch zu Chasanovitch S. 457, Anm. 1, und zu Locker S. 909.

2   Chasanovitch war auf dem Weg nach Stockholm am 20.7.1917 in Kopenhagen, um dort u.a. mit Stauning und Borgbjerg sowie mit dem Literaturhistoriker Georg Brandes zu sprechen. Auf Grund von "mir ganz unbegreiflichen Passformalitäten", wurde ihm "das Gastrecht" verweigert, und er mußte sofort nach Malmö in Schweden weiterreisen; so in einem Brief an Social-Demokraten (Kopenhagen), 21.7.1917, in ABA, SDF, 191. Von der Polizei wurde ich, schreibt er weiter, "wie ein Verbrecher überwacht und wie ein gefährlicher Verbrecher behandelt". "Diese Behandlung ist mir ganz unbegreiflich". Er halte es für seine "Pflicht", seine Beschwerde den dänischen Parteifreunden mitzuteilen. In ABA sind weitere Schreiben vom August von und an Chasanovitch, von und an Julij Weinberg, Vertreter des Arbeiter- und Soldatenrats in Stockholm, sowie Zeitungsausschnitte zum "Fall Chasanovitch". Stauning agierte im Namen seiner Partei durch einen Protest beim dänischen Justizminister und drückte Chasanovitch gegenüber "tiefes Bedauern" aus wegen "solch einer unbilligen Behandlung". Chasanovitch dankte am 30.8. "für Ihre energische und prompte Intervention".

3   Dies auch hervorgehoben in den oben in Anm. 1 nachgewiesenen Notizen von Huysmans und Troelstra.

4   In den oben in Anm. 1 nachgewiesenen Notizen von Troelstra: "person. autonomie voor alle landen waar joden in massas leven"[personale Autonomie in allen Länden, wo Juden in Massen leben].

5   In den oben in Anm. 1 nachgewiesenen Notizen von Troelstra: "Vragen pers. aut.[tonomie] voor alle nationale minderheden" [Verlangen personale Autonomie für alle nationalen Minderheiten]. In den Notizen von Huysmans, ebd., auch zweimal Hinweis auf "autonomie personelle".

6   Dies auch ausführlich zusammengefaßt in den oben in Anm. 1 nachgewiesenen Notizen von Huysmans und Troelstra. Troelstra faßte die Ausführungen folgendermaßen zusammen: jedes Land müsse eine gesunde Landwirtschaft haben. Kolonisation werde ein Bedürfnis der entwickelten Völker, aber auch in Rußland bestünden seit einem Jahrhundert jüdische Kolonien. Es sei im Interesse der Juden, Niederlassungshindernisse zu beseitigen, und durch die Juden käme es zu produktiver Arbeit. In Palästina finde seit 30 Jahren eine jüdische Kolonisation statt. Dort gebe es 130000 Juden, davon 10000 Kolonisten in 30 Kolonien. Es sei das einzige Land, in dem sich die Juden der Landwirtschaft widmeten. "Turkische regeering hinderpalen: vochte zettel, moelijkheid aankoop en bouw, verlotterte Turk Wirtschaft. 30% belasting aller boeren, slechte rechtstoestand - voor joden nog erger dan voor rückständige boerenbev. / willen beperk. van kolon. en Einwanderung / moderne rechtsverh.[ältnisse] - Palestina een einheitliches Gebiet - nu gesplitst in villayets elk met bezondere zwarigheden / Recht op arbeid: geen hindernis tegen eigen Thätigkeit" [Behinderung der türkischen Regierung: feuchte Niederlassungen, Schwierigkeiten bei Ankauf und Bau, verlotterte türkische Wirtschaft. 30% Besteuerung aller Bauern, schlechte Rechtszustände - für Juden noch schlimmer als für die rückständige Bauernbevölkerung. /wollen Beschränkung der Kolonisation und Einwanderung / moderne Rechtsverhältnisse - Palästina ein einheitliches Gebiet - jetzt in verschiedene Vilayets aufgeteilt, jede mit ihren eigenen Schwierigkeiten /Recht auf Arbeit: kein Hindernis der eigenen Betätigung]. - Zu den Verfolgungen der Juden in Palästina siehe Nachweise in Dok. Nr. P/20, Anm. 8, Nr. P/22, Anm. 15, Nr. P/29a, Anm. 8, und Nr. P/59, Anm. 3.

7   In den oben in Anm. 1 nachgewiesenen Notizen von Huysmans: "a) Accord sur autonomie de culture. Parce que autres nationalités. b) Mais quid? Demandez autonomie administrative? c) Reste Palestine. Pouvons-vous régler ce qui n'existe pas encore?"

8   In den oben in Anm. 11 nachgewiesenen Notizen von Huysmans "élément productif".

9   Dies ist vielleicht die Erklärung in Dok. Nr. P/60b. Das Memorandum von Poale Zion nachgewiesen in Dok. Nr. P/60c, Anm. 2. - Durch die Aufnahme der wichtigsten Forderungen in den Friedensentwurf des Holländisch-skandinavischen Komitees am 10.10.1917 (Anerkennung des internationalen Charakters der jüdischen Frage, wirtschaftliche und personelle Autonomie der Juden in Osteuropa, "Schaffung einer jüdischen Heimstätte" in Palästina), siehe Dok. Nr. P/72 -72a, wurde nach Jarblum 1933, S. 13f., "the hostile attitude" der internationalen Sozialdemokratie dem Zionismus gegenüber überwunden und "the first victory, or rather the first step" erreicht. Nach Keßler 1994, S. 103f., hatte sich damit "zum ersten Mal eine internationale Körperschaft der Sozialdemokratie zur offiziellen Identifikation mit den Absichten des Zionismus bereitgefunden". - Van Kol nahm 1919 den Gedanken einer "sozialistischen Kolonialpolitik" durch den Zionismus auf; siehe Kelemen 1996, S. 338f.

10   Nachgewiesen in Dok. Nr. P/40, Anm. 10. Siehe auch Erklärung von Davidovitch in Dok. Nr. P/40a.

11   In Stockholm wurden, wie zuvor schon Konferenz der sozialistischen Parteien aus den neutralen Ländern im Haag, 31.7.-2.8. 1916, auch folgende Schriften vorgelegt: "Forms of national autonomy. Preface to a lesgislation project of national autonomy", "Entwurf eines Gesetzes der nationale Selbstverwaltung (Etwa für die jüdische Minderheit in Polen)" und "Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich-rechtlichen gesicherten Heimstätte in Palästina", Denkschrift B des zionistischen Komitees in Den Haag. Sämtliche in CHA, Stockholm, Losse documenten, Mappe Joodse kwestie 1917; die erstere auf deutsch, "Formen nationaler Autonomie" auch in IISG, NL V. Adler, 4, und der "Entwurf" auch ARAB, NL Branting, 4.1:2, und in IISG, SDAP, 2145.

12   Nach den oben in Anm. 1 nachgewiesenen Notizen von Troelstra erklärte Chasanowitch, daß man in der Frage der nationalen Autonomie mit dem Bund übereinstimme ("over nation. autonomie eenheid met Bund enz."). "Cultureel -administratief nationaliteit soll konstitui[e]rt werden / vrijheid Einwanderung in allen Ländern, in jungfräul.[iche] Länder / tegen selbstbestimmung" [kulturell-administrative Nationalität soll konstituiert werden /Freiheit der Einwanderung in allen Ländern, in jungfräuliche Länder /gegen: Selbstbestimmung].

13   Siehe Komiteesitzung am 12.7.1917, Dok. Nr. P/56.

14   Protokoll des Stuttgarter Kongresses der Internationale 1907, S. 57-64, 113-120.

15   Nach den oben in Anm. 1 nachgewiesenen Notizen von Troelstra erklärte Chasanowitch, das Geld stamme aus den ärmeren Klassen, die Millionäre seien gegen den Zionismus ["Geld uit armere klassen / Millionaire tegen Zionismus"].