Erklärung der Delegation von Poale Zion auf der Sitzung mit dem Holländisch-skandinavischen Komitee am 26. Juli 1917

Document nr: 
P/60b
JLA, Poalei Zion - Verbandes Bureau, III-11-1-18. Mschr., 4 S.

Aus dem Entwurf der Erklärung des Jüdischen Sozialistischen Arbeiter-Verbandes Poale Zion.1

   Das Erscheinen einer jüdischen sozialistischen Delegation, die im Namen von jüdischen Arbeitern und Sozialisten aus allen Ländern, wo Juden wohnen, zu der Sozialistischen Internationale spricht, ist ein historisches Datum. Die Abordnung des Poale-Zion-Verbandes bringt die Einheit des jüdischen Proletariats   und Volkes zum Ausdruck.

   Wir sind geeinigt durch die sozialistische Ausbeutung und den sozialistischen Klassenkampf, aber auch durch die Tatsache der Zugehörigkeit zum unterdrückten jüdischen Volke. Trotz des Verlustes der nationalen Selbständigkeit, ja der Loslösung vom heimatlichen Boden, der Zerstreuung und der unaufhörlichen Wanderungen in vielen Ländern, sind die Massen der Juden ein durch Geschichte, Sitte, Sprache, Kultur und wirtschaftliche Sonderstellung geeinigtes Volk geblieben, das für die Erhaltung seines nationalen Eigenlebens die schwersten Opfer bringt.

   Das Zusammenleben von grossen jüdischen Massen in Osteuropa, Amerika und Vorderasien, ihre nationale Rechtlosigkeit in den meisten Ländern, der unaufhörliche Strom von Hunderttausenden entwurzelter jüdischer Auswanderer aus einem Lande in das andere - sie erheben die jüdische Frage zu einem internationalen Problem, das im Rahmen der nationalen und internationalen Fragen geregelt werden muss, die die sozialistische Konferenz und den Friedenskongress beschäftigen werden.

   Welche Gegensätze die Lage des jüdischen Volkes in verschiedenen Ländern erzeugt, wie sie durch die Katastrophe des Weltkrieges zu einer nationalen Tragödie von unerhörter Grösse sich gestaltet, dies haben wir in unserer Denkschrift an die Sozialistische Internationale "Die Juden im Kriege" dargelegt, auf die hier hingewiesen werden soll.2 Das grosse Geschehen der russischen Revolution hat nach jahrzehntelangem Kampfe die Hälfte des jüdischen Volkes von den Qualen menschlicher Entrechtung befreit. Umso deutlicher steht die Judenfrage in allen Ländern jüdischer Massensiedlung als nationale Frage auf der politischen Tagesordnung.

   Die rechtliche Stellung der Nationen in verschiedenen Staaten, ihr Streben zu Einheit und Selbstregierung, bilden keine innere Angelegenheit irgend eines Staates. Die Garantien und Sicherungen für den Bestand und die Freiheit der Nationen, sollen in den Friedensvertrag aufgenommen werden.

   Bei der Regelung der Völkerbeziehungen gehen wir von zwei Grundsätzen aus:

   A. Dem Selbstbestimmungsrecht der Nationen;

   B. den Gesamtinteressen des internationalen Proletariats, die mit denen der Menschheit identisch sind.

   Zu A. Der erste Grundsatz bedeutet:

   I. Die Verwirklichung des Rechtes jeder Nation (bezw. jedes Volksstammes) auf Einheit und demokratische Selbstregierung;

   II. die Verbürgung des Rechtes jeder nationalen Minderheit auf Erhaltung und Entwicklung ihrer nationalen Eigenart und auf Selbstverwaltung in nationalen Angelegenheiten;

   III. Die Entschliessung über die staatliche Zugehörigkeit umstrittener Gebiete nur auf Grund einer Urabstimmung der Einwohnerschaft.

   Die Anwendung der als Vorbedingung eines dauerhaften Friedens und demokratischen Nationalitätenrechtes aufgestellten Grundsätze gegenüber dem jüdischen Volke muss im Friedensvertrag ausdrücklich hervorgehoben werden, da den jüdischen Minderheiten in den meisten Ländern die nationalen Rechte verweigert werden, ja sogar ihre Existenz als Nation geleugnet wird.

   Die Lebensinteressen des in seiner Existenz bedrohten jüdischen Volkes verlangen Sicherungen folgender Art:

   a. Rechtliche Bürgschaften für seinen nationalen Bestand in allen Ländern, wo die Juden eine selbständige Kulturgemeinschaft bilden und ihr nationales Eigenleben zu erhalten bestrebt sind.

   b. Sicherungen für die ungehinderte nationale Konzentration in Palästina.

   c. Freiheit der Einwanderung und Ansiedlung für die Juden in allen Ländern.

   Zu a. Wir verlangen vornehmlich in Nationalitätenstaaten, wie Russland, Oesterreich, die Türkei, bezw. in einem unabhängigen Polen, sowie in den autonomen Nationalgebieten der bundesstaatlich umgestalteten Reiche die Sicherstellung der nationalen Selbstverwaltung der jüdischen Minderheiten auf der Grundlage personaler Nationalautonomie, sowie nationale Rechtsgleichheit in Staats-, Landes- und Stadtverwaltung.

   Zu b. Wir erstreben durch die Schaffung einer möglichst geschlossenen jüdischen Siedlung in Palästina und den angrenzenden Gebieten die territoriale Lösung der Judenfrage, eine höhere Daseinsform für das jüdische Volk.

   In der Ansiedlung der wandernden jüdischen Massen in Palästina erblicken wir den Anfang einer jüdischen Gemeinschaft der Arbeit und Kultur, die mit ihrem Wachstum dazu bestimmt ist, ein Anziehungspunkt für die jüdische Emigration und eine Stätte freier nationaler Entwicklung eines in seiner Existenz gesicherten Volkes zu werden.

   Die kolonisatorische Betätigung und nationale Selbstverwaltung des jüdischen Volkes in Palästina müssen durch staatlich anerkannte und international garantierte Institutionen gegen entrechtende Eingriffe geschützt werden.

   Die Freiheit der Einwanderung und Kolonisation bedeutet einerseits die Beseitigung aller die jüdische Niederlassung in Palästina einschränkenden Bestimmungen, die Schaffung von Verhältnissen eines modernen Rechtsstaates, andererseits die Gewährung von wirtschaftlichen Erleichterungen und Bürgschaften zur Förderung der Kolonisation, vor allem zwecks Verhinderung der Bodensperre die Bildung einer hinreichenden Landreserve, sowohl für die Einwanderer, die sich der Landwirtschaft zuwenden wollen, wie für die bodenarme, bezw. landlose ackerbautreibende Bevölkerung des Landes.

   Die Sicherung der nationalen Selbstverwaltunng der Juden soll in einem administrativ vereinheitlichten Palästina auf denselben Grundlagen nationaler Autonomie erfolgen, wie wir sie für alle Länder jüdischer Massensiedlung fordern, wobei in Palästina von der in der Türkei geltenden Milet-Verfassung (mit Ausschaltung ihrer religiösen Elemente) ausgegangen werden kann.

   Zu c. Die wirtschaftliche Bedrängnis der arbeitenden Massen des jüdischen Volkes erzeugt die andauernde Massenwanderung von Juden aus Osteuropa. Es müssen darum Sicherungen gegen unberechtigte Einwanderungsbeschränkungen in den Ländern gefordert werden, wohin sich der jüdische Emigrationsstrom richtet.


Anmerkungen

1   Siehe auch Dok. Nr. P/60a und Nr. P/60c. - Für die Zusendung einer Kopie dieses Dokuments möchte ich mich bei JLA bedanken.

2   Die Juden im Krieg. Denkschrift des jüdischen sozialistischen Arbeiterverbandes Poale Zion an das Internationale Sozialistische Bureau, hrsg. vom Verbandsbureau. Den Haag 1915, zweite erweiterte Auflage 1917.