Sitzung des Holländisch-skandinavischen Komitees mit der Delegation der MSPD, 12. Juni 1917

Document nr: 
P/33a
CHA, Stockholm, N. & C., Juni 1917:2. Mschr., 8. S.1

M A J O R I T É  A L L E M A N D E

le 12 juin 1917.2

VI.

D i e  b e l g i s c h e  F r a g e.

   Anwesend: Die ganze deutsche Delegation, Troelstra, v. Kol, Albarda, Möller, Huysmans, Vidness [Vidnes], Nina Bang.3

   H u y s m a n s: Bisher vermieden darüber zu sprechen. Heute aber objektiv und ohne Leidenschaft will ich über diese Fragen sprechen.

   Die politische Wiederherstellung - darüber sind wir einverstanden. Darin auch nicht Unabhängigkeit einbegriffen. Die deutschen Genossen sollen - das habe ich erfahren - damit einverstanden sein. Ich habe in vielen Artikeln und Erklärungen gesagt, dass die deutschen Sozialisten niemals mit der deutschen Regierung in der belgischen Frage einig waren.4

   D i e  o e k o n o m i s c h e  W i e d e r h e r s t e l l u n g.

   Belgien hat den Krieg nicht gewollt und nicht provociert [provoziert]. Deutschland ist in Belgien eingebrochen. Kanzler versprochen völlige Wiederherstellung am 4. August. Belgien war n i c h t verkauft. Man hat von einer anglo-belgischen Konvention gesprochen, dies nur Fälschung. Es waren Konversationen und nicht Konventionen. Die Stimmung im Lande hat man als deutschfeindlich dargelegt. Am Vorabend des Krieges hat das Regierungs-Blatt die oesterreichische Note an Serbien verteidigt. Ich habe den Antwort-Artikel darauf im Peuple geschrieben.5 In belgischen Regierungskreisen war man mehr deutschfreundlich als franzosenfreundlich. Wir wissen [das] auch aus den geheimen Sitzungen, die wir gehabt haben. Nun ist man in ein Land hineingekommen, aber wie. Wir behaupten, dass zweckloser Terrorismus da war.6 Ich habe Untersuchungen mitgemacht. Wir verheimlichen nichts in dieser Sache. In Löwen 18000 Genossen, die es mitgemacht haben. In Lüttich die Dörfer auf den Höhen verbrannt.7

   3/ D i e  o e k o n o m i s c h e  R u i n e [der ... Ruin] d e s  L a n d e s.

   Das Land wurde geleert,8 Maschinen gestohlen, Grundstoffe weggeführt.9 Ziel klar: man wollte einen oekonomischen Konkurrenten niedertreten. Man ist noch weiter gegangen: die Deportationen. - Die deutschen Genossen in diesem Punkte ihre Pflicht getan.

   4/ K r i e g s k o n t r i b u t i o n.

   Sobald die deutsche Verwaltung Geld nötig hat, wird Geld ausgepresst. Müssen sechshundert Millionen jährlich bezahlen.10R u i n i e r t ist das Land.11 Was haben die deutschen Sozialisten dazu getan.

   Kann Belgien ohne Reparation bleiben. In dieser Hinsicht muss die deutsche Sozialdemokratie ein gutes Wort sagen, denn dieses wird auch ohne12 eine Brücke der Annäherung sein. Gestern habe ich Sie [Ihnen] in der Elsass-Lothringischen Frage suggestiert um eine Brücke zu schlagen. Aber wenig Eingang fand der Gedanke. Nun hoffe ich mit dieser Brücke zu gelingen.13 Ein Schimpfwort von mir werden Sie nicht hören, weil das Interesse des Proletariats hier höher steht.14

   D a v i d: Bedauere, dass ich kein Material habe, um zu zeigen, wie die Zvilbevölkerung sich am Kampf beteiligt hat. Diese Tatsachen nicht zu negligieren. Nach der Haagerkonvention darf die Zivil-Bevölkerung nicht so tun. Zunächst ist es so gegangen, dass sie zuerst die Truppen friedlich empfangen und dann sie überfallen [haben]. Ist den belgischen Genossen davon nichts bekannt. Das ist durch zahllose Freunde unter den Truppen bezeugt. Ich habe selbst viele befragt. Und man hat es bezeugt. Mein eigener Neffe hat mir Schilderung gegeben wie die Zivilbevölkerung heimtückisch uns überfiel. Genosse Huysmans sprach von zwecklosen Zerstörungen. Dieses kann ich nicht verstehen. Die Zivilbevölkerung hat in den ersten Tagen des Einmarsches nicht sich gesträubt. Es widersprach auch der Haltung unserer Truppen, die in Belgien seit Monaten und Jahren liegen. Dies als allgemeine Gesichtspunkte. Gebe ohne weiteres zu, dass manche Ungerechtigkeit geschehen kann, aber man muss nicht die Begründung mit Material ignorieren. Man hat sogar Leute /Offiziere/ eingeladen in die Familien und dann sie ermordet. Man hat aus den Häusern geschossen. Es war ja ersichtlich, dass die Truppen sich zu Gegenwehr setzten. Wir sind durchaus einverstanden, dass diese Dinge gründlich untersucht werden müssen. Aber man darf nicht die Einseitigkeit der Schilderungen von Greueln vergessen. Bis diese Untersuchung nicht eintritt, muss man nicht verurteilen. Unglaublich, dass man auf den Höhen und nicht in den Tälern die Häuser angesteckt [hat].

   H u y s m a n s: Giebt Beispiele dafür.15

   D a v i d: Wo jemand mit Waffen betroffen wurde, so wurde [er mit] Strafe belegt. Aber es ist mir heute eine Neuheit, dass man durch Abbrennen der Dörfer auf den Höhen Terror geschaffen hat. Man muss bedenken: überall haben die Truppen zuerst die Bevölkerung gewarnt.

   Dann für Einzelfälle, die vorkommen, so ist klar, dass man die Möglichkeit der Bestrafung da offen gelassen. - Die Wegnahme vom Material und Maschinenteilen ist eine letzte Konsequenz der englischen Blockade. Rohmaterialien aller Art wurden rekvisiert,16 aber nicht weil man einen oekonomischen Konkurrenten niederschlagen wollte. Das Militär hat ja in Deutschland die Materialien beschlaggenommen. Letzte Konsequenz also der englischen Seesperre.

   Welche Konkurrenten lähmen. In einer Reihe von Fällen war die Verwaltung bemüht, die Industrien wieder in Gang zu bringen /z.B. Glasfabriken wurden wieder auf die Beine gebracht. In Brüssel bemühte sich die Verwaltung um die Spitzenindustrie, Tausende von Frauen werden gehindert in Prostitution zu verfallen. Eine Ausstellung für Säuglingsfürsorge wurde veranstaltet. Die Kontribution hat die Verwaltung nicht in die Taschen gesteckt, sondern die Verwaltungs-Beamten und die Gesundheitspflege wurde[n] davon bezahlt. Man soll sich also vor einseitigen und ungerechten Urteilen hüten. Wir sind dafür, dass keine Annexionen und Entschädigungen bezahlt werden. Wo Hülfe [Hilfe] nötig ist, soll sie nicht einseitig gegeben werden. Auch in Ostpreussen wurden Häuser zerschossen von den anderen.17 Wenn Hülfe [Hilfe] gegeben wird, darf das keine verschleierte Kriegsentschädigung sein. Für Prüfung und Untersuchung dieser Dinge sind wir jederzeit zu haben. Wir missbilligen es, wenn etwas vorgekommen sein sollte, was sich nicht rechtfertigen lässt. Wenn eine unparteiische Untersuchung, die von deutscher Seite anerkannt ist in diesem oder jenem Falle entsprechende Feststellungen trifft, wird ihr die Anerkennung nicht versagt werden.

   Man wird nicht bestreiten, dass man von unserer Seite die belgische Industrie auf die Füsse gestellt [hat] in mehreren Fällen. Habe selbst Charleroi besucht und das konstatiert. - Diese Industrie [ist] kaput[t] durch den Krieg. Nur durch unsere Hilfe gerettet. Man hat Arbeit gegeben, Fürsorge organisiert und man hat dem Elend vorgebeugt. Als wir in Brüssel waren, hatten wir da eine Säuglingsausstellung. Die oek.[onomische] Erdrosselung ist n i c h t versucht worden.

   Die Kontribution 600.000.000 pro Jahr - aber man muss bedenken, dass davon die Mittel für die Unterhaltung [den Unterhalt] des Landes genommen wurden. Die Gegenleistung der Verwaltung ist geschehen. Nachdem das Land in den Krieg hineingerannt wurde, kann man nicht sagen, dass eine Erdrosselung beabsichtigt war.

   Wir wollen nicht Annexionen und nicht Entschädigungen. Aber es darf nicht einseitig geschehen. Es ist in den einzelnen Fällen fast unmöglich den Urheber der Schäden aufzuspüren. Es [gibt] ja viele Zerstörungen, die gar nicht von den Deutschen gemacht sind. Da trifft das zu, was wir schon gesagt [haben], dass nicht durch Einseitigkeit eine verschleierte Kriegsentschädigung geschieht.

   T r o e l s t r a: Wenn es sich herausstellen sollte, dass so etwas sich herausstellt, würden Sie dann die Konsequenzen ziehen.

   D a v i d: Objektive Untersuchung wird anerkannt werden.

   H u y s m a n s: Davids Argumentation ist erst folgende: Es hat in den Sozialistischen Blättern gestanden über die Franktireurs und Zivilbevölkerung. Aber wie kommt es, dass die Frage in die Presse gebracht ist. Es ist alles ganz erfunden. Holländische Journalisten haben mit Flüchtlingen gesprochen und nach Amsterdam telegrafiert. Und wir hatten selbst keine Verbindung mit Lüttich. Ich liess die Telegramme 3 Tage liegen. Dann wurde es von einer anderen Zeitung gedruckt und dann brachte ich es auch. Aber es war nur journalistischer Schwindel und es ist zu verwundern, dass die deutsche Verwaltung noch operiert mit dieser Geschichte. Wir haben in besonderen Fällen Untersuchungen gemacht. In meinem eigenen Dorfe18 habe ich mit dem Offizier Herrn Schröder aus Berlin die Untersuchung geleitet. Da hatte man einfach für Terrorismus die Bevölkerung füsiliert. Ich kenne die Leute persönlich. Man sagt auch, dass die deutschen Soldaten Erfahrungen gemacht haben. Gewiss, aber man hat z.B. Bürgergarde als Franctireurs betrachtet. Wir werden auch die Untersuchungen gerne sehen. Wir wollen, dass es Neutrale sein werden. Genosse David hat von der englischen Blockade erzählt. Wir hatten 800.000 Arbeitslose. Ich versuchte die arbeitslosen Schulen zu organisieren. Deutsche Zivilverwaltung damit einverstanden. Aber man hat das ganze aus militärischen Gründen verboten. Es wurde ein Plakat angeschlagen, dass derjenige, der eine solche Schule besucht, hart bestraft wird. - In den meisten Fabriken hat man die Maschinen gestohlen. Sie kennen die Geschichte des Roten Kreuzes. Wir hatten 100.000 Francs. Die deutsche Verwaltung es genommen und es dazu verwendet, Säcke für die Schützengräben zu nähen. Fragen Sie Professor [Lücke im Text]19 in München und Gustav Mayer, der in Stockholm ist. Man hat meistens für militärische Zwecke das Ganze verbraucht, für die Bevölkerung nicht viel. - Die Konklusion des Genossen David falsch. Ich gebe es gut zu, dass in der deutschen Verwaltung sehr gute Personen sind. Aber die grosse Frage ist: wenn es sich herausstellt, dass es so gegangen ist - sind dann die deutschen Sozialisten zu haben für die Wiederherstellung.

   V a n K o l: Habe selbst viele Sachen gesehen. Vieles ist durch die deutsche Armeeleitung organisiert. Habe mit neutralen Personen gesprochen, die mir schreckliche Sachen erzählt haben. Im Anfang war Holland nicht gegen Deutschland. Aber in Holland gibt es viele, die durch das was in Belgien geschehen [ist], sich gegen Deutschland gewendet haben. Warum hat man diese Sachen getan. Ich habe halb Belgien mit Auto durchgefahren. Ueberall Anschläge mit Strafdrohungen, und dadurch ist es gelungen, die Bevölkerung zu terrorisieren. Franctireurs hat es nicht gegeben in Belgien, und es wird schon20 sein dieses zu bezeugen. Habe mit Freude gehört, das[s] die Genossen eine unparteiische Untersuchung nach dem Kriege wünschen. Aber warum nicht jetzt.

   H u y s m a n s: Erhalte eben Brief von Brüssel, der meldet, dass der Bürgermeister 1 Jahr Festung bekommen wird, weil man sich gegen die Deportation gesträubt [hat].21

   S c h e i d e m a n n: Verstehe nicht mehr die Auseinandersetzung.22 Alles was Huysmans erzählt, sind Behauptungen, die auch von deutscher Seite bestritten werden. Wir sind nicht hier darüber zu streiten. Uns ist es abscheuliches Gefühl, dass überhaupt der Krieg da ist. Briefe kann man in Massen produzieren. Genosse van Kol so voreingenommen, dass es wunderbar ist [man sich wundert], dass er in einer solchen Kommission sitzen kann.23 Wir haben gehört, dass Sie auch den Engländern und Franzosen dasselbe sagen wollen. Es scheint nicht so. - Wir haben die Formel ohne Annexionen und ohne Entschädigungen anerkannt. Aber es muss für alle gelten. Was die miserable Behandlung der Kriegsgefangenen betrifft. Aber wie hat man in Sibirien unsere Gefangenen behandelt. Wenn man so etwas anschmiedet,24 so fordere ich Objektivität. Sein Mandat so aufzufassen, wie Genosse van Kol es tut, das geht nicht. Wir sind damit einverstanden, dass man die Sachen untersucht. Es muss auch untersucht werden, wie man in anderen Gegenden gehandelt hat. Ich wünsche dringend, dass wir wenn wir zum Resultat kommen wollen, nicht mehr verlangen als was Menschen möglich ist. Wir wollen, dass niemand in Knechtschaft kommt. Genosse David hat das Recht festgestellt. Wenn man in den einzelnen Fällen feststellen und untersuchen kann, so muss es ruhig geschehen. Die Hauptsache ist, den Krieg zu enden.

   T r o e l s t r a: Wir haben hier unter den Friedensbedingungen die Frage der Wiederherstellung zu behandeln. Da ist selbstverständlich auch die belgische Frage. Man sagt keine Kriegsentschädigungen, aber man macht eine Ausnahme für Belgien. Ich konstatiere mit Genugtuung, dass Huysmans und David die Sache ruhig diskutiert [haben]. Es sind gewisse Insinuationen gegen die deutsche Partei gekommen, aber nicht vom Genossen Huysmans, und nicht vom Komite[e]. Ich meine, es wird nicht notwendig sein über das was Huysmans und David gesagt haben, weiter zu sprechen. Man sagt: wir haben Informationen von unseren Soldaten, von unserer Presse u.s.w. und das macht uns nicht möglich mit Huysmans einverstanden zu sein. Solcher Gedankengang nicht objektiv. Es ist notwendig eine unparteiische Untersuchung nach dem Kriege zu machen. Das Rechtsgefühl muss hier eingezogen werden. Gegen van Kol Einwände, weil er zu weit gegangen ist. Schlage vor, dass wir die Diskussion schliessen über die belgische Frage.25

   V i d n e s s [Vidnes]: Sollen wir also eine Untersuchung nach dem Kriege als den Standpunkt der deutschen Genossen ansehen.

   D a v i d: Wir lehnen es ab eine einseitige Ausnahme betreffs der Entschädigungen für Belgien zu machen. Eine objektive Untersuchung nach dem Kriege nicht nur in Belgien, sondern überall soll nicht von unserer Seite bekämpft werden. Aber keine Sonderstellung in der Entscheidung für Belgien.

   T r o e l s t r a: Frage der Wiederherstellung zweideutig. Hier ist sie behandelt vom Gesichtspunkte des Unrechts, der Schuld. Die[s] die ungünstigste Art und Weise zum Schluss zu kommen. Inwieweit gibt es Länder, die nicht im Stande sind sich selbst wiederherzustellen, das hat mit der Schuldfrage nichts zu schaffen. Wir haben auch mit Serbien den Gesichtspunkt hervorgehoben, dass Serbien durch internationale Mittel geholfen werden muss. Ausserdem: Es ist sehr ungerecht, auch wenn man sagt, dass Deutschland Belgien wiederherstellen soll. Belgien war zum Widerstand verpflichtet - Aber zu welchem Nutzen. Der Krieg wäre also so geendet, dass die deutschen Heer sogleich in Paris gestanden [wären]. Die Ententeländer haben also den grössten Nutzen davon gezogen. Genosse David hat seine erste Erklärung noch erläutert. Es gilt auch für Serbien. Das 20. Jahrh.[undert] muss die Lösung dieser Frage gewidmet werden. Es wird nicht geändert in dieser Frage durch die Antwort des David.

   H u y s m a n s: Die belgischen Genossen haben mich gebeten über die Frage zu sprechen. Deshalb habe ich es, aber in ruhigem Tone getan. In den Kriegsbedingungen muss eingeschrieben werden, dass wir mit politischer Wiederherstellung Belgiens einverstanden sind, auch die oekonomische anerkennen, und eine Prüfung objektiver Art der Schuldfrage. Die Hauptsache ist hier, die Brücke des Verständnisse[s] zu finden.

   D a v i d: Für Belgien als Ausnahmefall Entschädigungen zu geben, wird in unserem Memorandum abgelehnt.26 Das Verfahren der Untersuchungen in den einzelnen Fällen haben wir nicht ventiliert.27 Wir werden uns nicht gegen eine Untersuchung stellen. - Zum Schluss will ich noch sagen: ich bezog mich auf den Artikel des Brouckère. Keine Antwort von Huysmans.

   H u y s m a n s: Kenne den Artikel des De Brouckère. Er ist nicht mehr derselben Meinung. Er hat eine schroffe Stellung eingenommen.

   D a v i d: Die Tatsachen, die de Brouckère anführt, dass Belgier unter dem Einfluss der Entente sind, sind nicht von Huysmans dementiert.

   H u y s m a n s: Ich bestreite, dass Belgien unter dem Einfluss der Entente gestanden hat. Wären die Franzosen eingebrochen, so hätten wir dasselbe getan. Wir waren damit einverstanden, automatisch uns gegen denjenigen zu wenden, der zuerst einfiele.28 Ententefreundlich war die belgische Regierung nicht.

   D a v i d : De Brouckère.

   H u y s m a n s: Genügend für Brouckère, dass wir eine Meinung hatten, damit er eine andere habe.

   T r o e l s t r a: Behandlung der ersten Frage erledigt.

II. HAUPTGRUNDZUEGE der INTERNATION.[ALEN] VEREINBARUNG.29

Referent: M u e l l e r[Müller].48 / Siehe Beilage/.30

III. PRAKTISCHE VERWIRKLICHUNG.

Referent : S c h e i d e m a n n. / Siehe Beilage/.31

   T r o e l s t r a: Studienkommissionen abgesehen [vorgesehen], um die verschiedenen Fragen zu untersuchen.

   T r o e l s t r a: Während des Krieges ein Internationales Büro das als ständiges Komite[e] sich befindet, sowie32 in der Stadt der Friedenskonferenz um Verbindung zu haben mit den Regierungen und Fühlung zu haben.

   S c h e i d e m a n n: Damit völlig einverstanden.

   V i d n e s s [Vidnes]: Die amerikanischen Genossen haben vorgeschlagen einen allgemein[en] Kongress einzuberufen beim Friedensschluss.33

   S c h e i d e m a n n: Ja, Amerika ist auch ein demokratisches Land.34

   E b e r t: Ein Kongress nicht zu empfehlen. Der Kongress müsste Monate lang tagen. Der Vorschlag von Troelstra besser und zweckmässiger.

V. B.35

Referent: S c h e i d e m a n n.- / Siehe Beilage/.36

   Keine Diskussion.

ALLGEMEINE SOZIALISTISCHE KONFERENZ.

Referent: S c h e i d e m a n n. / Siehe Beilage/.37

   D a v i d: Macht Korrektur unter IV.38

   T r o e l s t r a: Dankt die deutsche Delegation. Gestern von Genossen Ebert die Frage gestellt, welche die Pläne des Komittés sind betreffs der folgenden Arbeit.

Troelstra giebt Mitteilungen über diese Pläne.39

   E b e r t: Dankt für die Auskünfte. Nehme an, dass wir diesen Abend Sitzung der Delegation haben um zu entscheiden, wann wir abreisen.40

   L e g i e n: Sollte dies also unsere letzte Sitzung hier sein.

   T r o e l s t r a: Wir erwarten von Ihnen ein Kommuniqué an die Presse.41

   V i d n e s s [Vidnes]: Sitzung nötig im Kommitté um zu beraten, wieviel vom Memorandum zu veröffentlichen ist. Schlage auch vor, dass der Fragebogen auch veröffentl[icht] wird.

   V a n K o l: Sehr wünschenswert, wenn zwei oder drei deutsche Genossen bleiben können.42 Ich möchte gern unter vier Augen mit Scheidemann eine Unterredung haben.

   Genosse A d l e r. /eben angelangt/. Sehr pessimistisch, weil ich sehe, dass die einzige Hoffnung, die Russen, zu scheitern droht. Die werden gedrängt durch Ententeminister. Wir haben die Augen der ganzen Welt auf uns. Die Gefahr, dass nichts [her]auskommt, ist vorhanden. Aber die Schuld muss nicht an uns liegen. Keine angenehme Situation für mich persönlich, so lange hier zu sein. Aber wir haben alle Möglichkeiten abgewartet und haben Geduld gehabt. Es ist notwendig, dass wir die Geduld ins Äusserste in Anspruch nehmen, damit die ganze Welt wisse, worauf es ankommt, wenn es scheitert.43

   T r o e l s t r a: Wenn es ein[en] Moment giebt, wenn man sagen könnte: Nun ist es möglich die Internationale zusammenzubringen, dann war es unsere Pflicht alles mögliche zu tun. Wir dürfen nicht aufhören, solange eine Möglichkeit vorhanden ist.44 Wir wollen nach Petrograd gehn.45

   L e g i e n: Wenn eine Aussicht nicht ist, dass die deutsche Minderheit und die Engländer und die Franzosen kommen, dann ist die Arbeit des Kommitees gesteckt.46 Aber ich glaube auch, dass der Knotenpunkt Petrograd ist. Eine Abteilung soll nach Petrograd gehen und die andere hier verhandeln.

   T r o e l s t r a: Es soll ein kurzer Termin festgestellt werden. Dann gehen wir nach Petrograd.

   E b e r t: Schlage vor, dass wir morgen um 10 Uhr unseren Pressbericht geben.

   D a v i d: Möchte auch morgen meine Darlegung über die Schuldfrage für den Druck vorbereiten.

   T r o e l s t r a: Dankt der Delegation.

   Nächste Sitzung 10 Uhr morgens.47


Anmerkungen

1   Dem Protokoll liegt eine hschr. Mitschrift von Engberg (57 S.) zugrunde, in CHA, Stockholm, N. & C., Juni 1917:2. Dort auch hschr. Notizen von Huysmans auf franz. bzw. deutsch. Die mschr. Version auch in IISG, NL Troelstra, 427; dort 423 auch hschr. Notizen von Troelstra, wo allerdings neben dem Datum und "Duitschers" nur die Namen von Van Kol, Scheidemann, Ebert und Müller verzeichnet sind. Ganz kurze Notizen auch von Van Kol, IISG, NL Van Kol, 57. Siehe auch die Version des Protokolls in Dok. Nr. P/33b. Pressekommuniqué Dok. Nr. P/34c. - Zur Sitzung David 1966, S. 234; Bericht Scheidemanns in MSPD-Parteiausschuß, 26.6.1917, Protokoll S. 10f. und Scheidemann 1921, S. 143 (fälschlich 13.6. datiert); Troelstra 1931, S. 128f.

2   Die Sitzung fand am Vormittag statt.

3   Scheidemann 1921, S. 143, notiert "abermals ohne Branting". Branting mußte, wie aus Möllers Mitteilung in Dok. Nr. P/33b hervorgeht, an einer Ausschußsitzung des schwedischen Reichstags teilnehmen. Gegen Ende der Sitzung erschien auch Victor Adler.

4   Zu Huysmans Stellungnahme siehe auch Dok. Nr. P/33b und die oben in Anm. 1 nachgewiesenen Notizen von Huysmans auf deutsch und franz. - Troelstra 1931, S. 128f., schreibt: "Ich habe Huysmans an diesem Tag bewundert" ("Ik heb Huysmans die dag bewonderd"), weil sein Beitrag "beherrscht und überzeugend" ("beheerscht en overtuigend") war. Geldolf 1996, S. 241 nennt sie ebenfalls beherrscht ("in een beheerst betoog"). Nach Miller 1974, S. 214, war die Rede "ein einziger Aufschrei gegen die deutsche Kriegführung und Besatzungspolitik in Belgien". - Zu Huysmans und Belgien siehe Geldolf 1996. Zu den genannten Zerstörungen und Deportationen De Waele 1988 und weitere Beiträge in diesem Sammlband (Vluchten voor de groote oorlog).

5   Nach seinen oben in Anm. 1 nachgewiesenen Notizen auf franz. hat Huysmans Auszüge vorgelesen. Siehe auch Dok. Nr. P/33b.

6   In den oben in Anm. 1 nachgewiesenen Notizen von Huysmans auf deutsch: "zweckloser Destructismus, für Terrorismus". Siehe auch Dok. Nr. P/33b.

7   In den oben in Anm. 1 nachgewiesenen Notizen von Huysmans auf deutsch abschließend die Frage: "Hatte militär. Zwecke? Ist Terrorismus auch Militärzweck?"

8   "Geleert" nach der oben in Anm. 1 nachgewiesenen Mitschrift von Engberg; Lücke im mschr. Text.

9   In den oben in Anm. 1 nachgewiesenen Notizen von Huysmans auf deutsch hier zweimal: "einfach weggenommen".

10   In den oben in Anm. 1 nachgewiesenen Notizen von Huysmans auf deutsch: "60 Miljon [Millionen] pro Monat. 2 Million[en] pro Tag. Mehr als 1 172 Milliard[en] weg".

11   In den oben in Anm. 1 nachgewiesenen Notizen von Huysmans auf deutsch zusammenfassend: "Also: Hineingebrochen. - Niedergebrannt. - Ermodet. - Verleumdet. - Ruiniert". Siehe auch Dok. Nr. P/33b.

12   "Ohne" nicht in der oben in Anm. 1 nachgewiesenen Mitschrift von Engberg; dort: "auch eine Brücke".

13   Zur Brückenfunktion siehe auch Huysmans in den Sitzungen in Dok. Nr. P/32a (Anm. 50), Nr. P/33b und Nr. P/34a.

14   In den oben in Anm. 1 nachgewiesenen Notizen von Huysmans auf deutsch: "Das ist stets meine Rolle gewesen. Ich gehe auch weiter auf diesem Wege".

15   In der Version des Protokolls in Dok. Nr. P/33b und in den oben in Anm. 1 nachgewiesenen Notizen auf deutsch von Huysmans wurde noch Dendermonde genannt, ansonsten keine weiteren Angaben. Dendermonde war am 4.9.1914 von der deutschen Armee schwer beschossen und dann eingenommen worden. Danach wurde die Stadt in Brand gesetzt und ein Großteil der Bevölkerung deportiert.

16   In der oben in Anm. 1 nachgewiesenen Mitschrift von Engberg: "rekviriert".

17   In seiner Rede am 6.6.1917 hat David die Zerstörung von Löwen als "ein Kinderspiel" bezeichnet, verglichen mit der russischen Kriegsführung im Osten, so nach der Mitschrift von Engberg, nachgewiesen in Dok. Nr. P/28a, Anm. 1. Ähnlich in den Notizen von Huysmans, ebd: "Voir Russes: toute ville brulée en Pologne. [...] Pas comparable à Louvain".

18   Huysmans stammte aus dem Dorf Bilzen in der Provinz Limburg.

19   Lücke ebenfalls in der oben in Anm. 1 nachgewiesenen Mitschrift von Engberg. Gemeint ist Edgar Jaffé, Professor an der Handelsschule München, Mitherausgeber von Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik, nach 1914 Sachverständiger beim Generalgouvernement in Brüssel.

20   In der oben in Anm. 1 nachgewiesenen Mitschrift von Engberg: "schwer".

21   Der Brüsseler Bürgermeister Adolphe Max; siehe zu ihm und der Wertschätzung von Huysmans Cooremans/Martens 1964.

22   Nach Scheidemanns Erinnerungen "sprach van Kol in so aufreizender Weise, daß ich meinen Zorn kaum bändigen konnte". Bei Scheidemanns Wortmeldung reichte Nina Bang einen Zettel weiter: "Bitte, werden Sie nicht heftig, Genosse Scheidemann!" Dazu er im Rückblick: "Ich bemühte mich, aber es gelang mir nicht ganz". Scheidemann 1921, S. 143f.

23   In den oben in Anm. nachgewiesenen Notizen von Huysmans: "ne comprennons pas Van Kol", "n'avons pas confiance en Van Kol".

24   In der oben in Anm. 1 nachgewiesenen Mitschrift von Engberg: "anschneidet".

25   Nach Scheidemann 1921, S. 144, goß Troelstra "wiederum Öl auf die Wogen, wobei er kein Wort gegen mich sprach, aber eine harte Strafpredigt gegen seinen Freund und Landsmann van Kol hielt".

26   Siehe Kompromißvorschläge in Dok. Nr. P/34a-c. - Im Memorandum, nachgewiesen Dok. Nr. P/34a, Anm. 16, zu Belgien: "Wir sind für die Wiederherstellung eines unabhängigen Belgiens. Belgien soll weder ein Vasallenstaat Deutschlands noch Englands oder Frankreichs werden". Zu Kriegsentschädigungen allgemein: "Die Aufzwingung einer Kriegsentschädigung ist zu verwerfen". "Ablehnen müssen wir dagegen den Gedanken einer einseitigen Verpflichtung zur Wiederherstellung von Zerstörungen in den vom Kriege betroffenen Gebieten". "Für Staaten, die aus eigener Kraft ihr durch den Krieg zerstörtes Wirtschaftsleben nicht wieder aufbauen können, kann internationale finanzielle Hilfe auf Grund gegenseitiger Vereinbarung vorgesehen werden". - Scheidemann hatte in einem Gespräch mit Gustav Mayer erklärt: Aufgabe der deutschen Außenpolitik müsse es sein, zu verhindern, daß Belgien künftig auf die Seite der Gegner trete", Tagebuchnotizen am 4.6.1917, IISG, NL Mayer, 40, S. 28. Vgl. auch Dok. Nr. P/32a, Anm. 51. - Die ablehnende Haltung MSPD zu Vermittlungsversuchen auch in puncto Belgien hebt Boll 1980, S. 176, hervor.

27   Lücke im Text ergänzt nach der oben in Anm. 1 nachgewiesenen Mitschrift von Engberg.

28   In der oben in Anm. 1 nachgewiesenen Mitschrift von Engberg danach gestrichen: "Bel.[ien] hat die Ford.[erung] des Arbitrage gewollt".

29   Bezug auf den Fragebogen. Zum Fragebogen siehe Dok. Nr. P/15b.

30   Liegt dem Protokoll nicht bei. Gemeint ist die Antwort auf den Fragebogen im Memorandum der MSPD, datiert 12.6.1917; Abschnitt II verfaßt von Hermann Müller. In NL Troelstra, 428, und NL Wibaut, 226, IISG, liegen mschr. Versionen des Memorandums mit hschr. Einfügungen bzw. Kommentaren.

31   Liegt dem Protokoll nicht bei. Siehe oben Anm. 30.

32   In der oben in Anm. 1 nachgewiesenen Mitschrift von Engberg:" sollte".

33   Zu dieser Initiative siehe Nachweis in Dok. Nr. P/09, Anm. 7.

34   Dies ironisch gemeint, siehe genauer Dok. Nr. P/33b.

35   Gemeint der auf Antrag der MSPD am 7.6.1917 zum Fragebogen neu hinzugefügte Punkt V. Tätigkeit der sozialistischen Parteien für den Frieden. Zitiert in Dok. Nr. P/33b.

36   Liegt dem Protokoll nicht bei. Siehe oben Anm. 30.

37   Liegt dem Protokoll nicht bei. Siehe oben Anm. 30.

38   Abschnitt im Fragebogen: Aktion der Internationale.

39   Ausführliche Wiedergabe in Dok. Nr. P/33b.

40   Siehe Dok. Nr. P/33c.

41   Siehe Dok. Nr. P/34a und Nr. P/34b.

42   Zur Abreise siehe Dok. Nr. P/33c, Anm. 8.

43   Zum Abwarten und Geduldüben siehe auch Victor Adler an Akselrod, 14.6.1917, Durchschlag in IISG, NL Friedrich Adler, 14.

44   Nach der Protokollsversion in Dok. Nr. P/33b gab Troelstra auch einen Bericht über die bisherige Arbeit des Organisationskomitees.

45   Zum Plan, nach Petrograd zu reisen, siehe Dok. Nr. P/31a, Nr. P/33b, Nr. P/34a-b und Nr. P/35 sowie Dok. Nr. P/06a (mit Anm. 11).

46   Eine "Verdeutschung" des schwedischen Verbs stäcka, zum Stehen bringen, zunichte machen.

47   Siehe Dok. Nr. P/34a.