Erfurt/Germany
Autoritäre Bewegungen gewinnen an Einfluss, demokratische Institutionen und Verfahren geraten auch in etablierten Demokratien unter Rechtfertigungsdruck, und öffentliche Räume demokratischer Aushandlung verändern sich durch Digitalisierung, soziale Fragmentierung, Protest, Polarisierung und neue Formen politischer Mobilisierung. Zugleich bleibt Demokratie nicht nur eine Regierungsform, sondern auch eine Lebensform: Sie wird in Parlamenten, auf Straßen und Plätzen, in Vereinen, Hochschulen, Medien, digitalen Öffentlichkeiten, zivilgesellschaftlichen Initiativen und alltäglichen Praktiken immer wieder neu hervorgebracht, verhandelt und angefochten.
Der Nachwuchsworkshop „RaumZeitlichkeit von Demokratien: Konzepte, Geschichte, Praktiken“, organisiert von der Erfurter RaumZeit-Forschung (ERZ), fragt danach, wie Demokratien räumlich und zeitlich konstituiert sind. Welche Räume und Zeiten ermöglichen demokratische Teilhabe? Welche Rhythmen, Taktungen, Verzögerungen, Beschleunigungen und Zukunftsentwürfe prägen demokratische Prozesse? Wie verändern sich demokratische Praktiken in öffentlichen, privaten, urbanen, ländlichen, medialen oder digitalen Räumen? Und wie lassen sich Krisen, Transformationen und Verteidigungen von Demokratie besser verstehen, wenn Räumlichkeit und Zeitlichkeit gemeinsam gedacht werden?
Der Workshop richtet sich ausdrücklich an fortgeschrittene MA-Studierende, Promovierende und Postdocs aus allen geistes- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen. Willkommen sind außerdem Beiträge von Personen aus der Praxis der Demokratiearbeit, etwa aus politischer Bildung, zivilgesellschaftlichen Initiativen, Kulturarbeit, Gedenkstätten- und Erinnerungsarbeit, Journalismus, NGOs oder kommunalen und internationalen Projekten. Ziel ist ein offenes Werkstattformat, in dem theoretische Zugänge, empirische Fallstudien, methodische Fragen und praxisbezogene Perspektiven miteinander ins Gespräch gebracht werden.
Teilnehmende müssen nicht zwingend bereits explizit zur RaumZeitlichkeit von Demokratien arbeiten. Ebenso willkommen sind Projekte, die sich zunächst stärker mit der Räumlichkeit oder der Zeitlichkeit demokratischer Ordnungen, Praktiken oder Konflikte befassen, sofern die Bereitschaft besteht, im Workshop die jeweils andere Dimension mitzudenken und gemeinsam weiterzuentwickeln.
Mögliche Themenfelder umfassen unter anderem:
- Raum- und Zeittheorien in der Demokratieforschung, etwa mit Blick auf Lefebvre, Bachtin, Koselleck, Bloch, de Certeau oder post-/dekoloniale Theorieansätze
- Raumzeitliche Perspektiven auf Demokratietheorien, z. B. Demokratie als Kopräsenz in Rousseaus Gesellschaftsvertrag oder Crouchs Ansatz der Postdemokratie
- Demokratien, Demokratisierungsprozesse und demokratische Praktiken im Globalen Süden
- Zivilgesellschaftlicher Aktivismus, soziale Bewegungen, Protest, Streiks und Demonstrationen
- Öffentliche Räume, urbane Rhythmen, ländliche Räume und lokale Demokratiearbeit
- Räumlichkeit und Zeitlichkeit parlamentarischer Praxis, etwa Architektur, Sitzordnungen, Redezeiten, Legislaturperioden oder Verfahrensrhythmen
- Wahlen, Wahlkämpfe und andere demokratische Rituale als raumzeitliche Praktiken
- Digitale Öffentlichkeiten, soziale Medien, Plattformen und mediale Zeitregime demokratischer Aushandlung
- Utopien, Zukunftsvisionen, Hoffnung, Vertrauen und Erwartungshorizonte in Demokratien
- Erinnerung, Gedenkstätten, historische Verantwortung und die Interessen vergangener und zukünftiger Generationen
- Demokratie jenseits der Tagespolitik, etwa in Wissenschaft, Bildung, Familie, Religion, Wirtschaft, Verwaltung, Kunst oder Sport
- Räumlichkeit und Zeitlichkeit von Demokratiekrisen, Autoritarismus, Populismus, Gewalt und antidemokratischen Bewegungen
- Migration, Diaspora, Grenzen, Zugehörigkeit, Citizenship und demokratische Teilhabe über nationale Räume hinaus
- Ökologische Krisen, Klimapolitik und langfristige demokratische Entscheidungsprozesse
Der Workshop versteht sich als interdisziplinärer Raum für Austausch, Feedback und Vernetzung. Besonders erwünscht sind daher work in progress, theoretisch-methodische Reflexionen und Projekte, die sich an der Schnittstelle von Forschung und Praxis bewegen.
Bitte senden Sie ein Abstract von max. 100 Wörtern mit direktem Bezug zum Tagungsthema sowie eine kurze biographische Notiz bis zum 31.07.2026 an raumzeitforschung@uni-erfurt.de. Die Beiträge können auf Deutsch oder Englisch eingereicht werden. Der Workshop wird in Deutsch abgehalten. Geplant sind Vorträge von ca. 15-20 Minuten mit anschließender ausführlicher Diskussion.
Der Workshop findet vom 06. bis 07. November 2026 an der Universität Erfurt statt. Kosten für die Unterkunft in Erfurt und ggf. auch ein Fahrtkostenzuschuss können im Rahmen der verfügbaren Mittel übernommen werden. Da diese Mittel begrenzt sind, bitten wir Teilnehmende, auch mögliche Finanzierungsoptionen über die eigene Universität, Institution oder Organisation zu berücksichtigen. Bitte fügen Sie Ihrer Einreichung eine kurze Einschätzung der voraussichtlichen Kosten bei, um uns die weitere Planung zu erleichtern. Weitere Informationen zu Programm, Format und organisatorischen Rahmenbedingungen folgen nach Auswahl der Beiträge.