Den Begriff der Subkultur führte der US-amerikanische Soziologe Milton Gordon Mitte der 1940er Jahre ein „as a concept […] composed of a combination of factorable social situations such as class status, ethnic background, regional and rural or urban residence, and religios affiliation, but forming in their combination a functioning unity which has an integrated impact on the participating individual.“ (Gordon 1947). In diesem Kontext bezieht sich Subkultur auf eine Teil- oder Gegenkultur einer bestimmten gesellschaftlichen, ethnischen oder ähnlichen Gruppe mit eigenen Normen und Werten, die sich innerhalb eines Kulturbereichs und/oder einer Gesellschaft herausbildet (Brasch 2024). Gleichzeitig macht Subkultur auch die Widersprüchlichkeit von Untergrund/Underground deutlich, denn seit den 1920er Jahren bis heute ist der Begriff auch in Fremdbezeichnungen als verunglimpfender Terminus verwendet, beispielsweise in Bezug auf politisch linke und jugendliche Bewegungen (Schwendter 1971). Mit dem Bewusstsein für die unterschiedlichen Bedeutungen von Subkultur soll im Sinne von Vilém Flusser jedoch das kreative Potenzial und die damit verbundenen kreativen Praktiken, intermedialen und interdisziplinären Zusammenschlüsse von Subkulturen im Exil erstmals in den Blick genommen werden (Flusser 1984).
Gordons Konzept der Subkultur entstand kurz nach den Flucht- und Migrationsbewegungen der 1930er und 1940er Jahre in Reaktion auf Diktaturen und Kriege. Viele etwa der vor den nationalsozialistischen Verfolgungen fliehenden Exilierten mussten sich an ihren Fluchtorten in einem neuen Leben einrichten. Ihren Berufen konnten sie häufig nur unter schwierigen Bedingungen nachgehen, mussten häufig neue Netzwerke aufbauen, sich jenseits etablierter Strukturen und Institutionen andere Orte und Handlungsräume schaffen und unkonventionelle künstlerische Praktiken und Arbeitsweisen erproben. Die Berliner Ärztin Charlotte Wolff widmete sich im Pariser Exil der Handlesekunst und publizierte 1936 ihr Buch „Studies in Hand Reading“ mit Handabdrücken surrealistischer Künstler:innen und Schriftsteller:innen. Im New Yorker Exil eröffnete die exilierte Tänzerin Valeska Gert ihre Beggar Bar, ein provisorisch eingerichtetes Kellerkabarett, in dem die Angestellten performten. Die Villa Air-Bel in der französischen Hafenstadt Marseille diente vom NS-Regime verfolgten Künstler:innen als Versteck und Ort des Transits, an dem diese in gemeinsamen künstlerischen und kreativen Aktivitäten die Zeit des Wartens auf ihre Weiterreise an ihre Exilorte mit den ihnen zur Verfügung stehenden limitierten Mitteln reflektierten.
Ausgehend von diesen Beobachtungen und Beispielen wird das Jahrbuch für Exilforschung 2027 die Begriffe Subkultur – als Gegenkultur – und Exil erstmals zusammendenken. Juliane Rebentisch kennzeichnet Subkulturen als „Geheimgeschichten, die […] selten und diskontinuierlich – und zwar aufgrund der Verfasstheit und der Ausschlussregularien für die Avantgarde-Geschichtsschreibung zuständigen Institutionen (z.B. Kunstgeschichte) – im offiziellen Sinne ‚geschichtsfähig‘ werden.“ (Rebentisch 2006) Auch Exilerfahrungen, die sich über Diskontinuitäten, Unsichtbarkeiten und Brüche konstituieren, verfügen über ähnliche Verfasstheiten wie Subkulturen. Die von Rebentisch benannten „Geheimgeschichten“ eröffnen neue Möglichkeiten, die Schnittstellen von Subkultur und Untergrund/Underground wahrzunehmen: Beispielhaft zu nennen sind die Swing-Boys oder Swing-Girls, die sich im NS-Deutschland mit ihrer Vorliebe für amerikanische Swingmusik und Tanz und der darauffolgenden Überwachung politisierten. Zwar hat nicht jede subkulturelle Praxis widerständiges Potenzial, doch existieren Beispiele, in denen subkulturelle (künstlerische) Praktiken und politischer Widerstand in Exilsituationen gemeinsam in Erscheinung treten. Ein Beispiel geben die künstlerisch und literarisch gestalteten Flugblätter, mit denen sich Claude Cahun und Marcel Moore in ihrem Exil auf Jersey gegen die deutschen Besatzer wandten.
Im Jahrbuch 2027 sollen historische und zeitgenössische Fallstudien, die das Thema Subkultur und Exil aus vielfältigen und interdisziplinären Perspektiven verhandeln, neben explizit theoriebildenden Beiträgen publiziert werden. Neben den 1930er und 1940er Jahren interessieren uns auch Case Studies aus der jüngsten Vergangenheit und Gegenwart. So ist beispielsweise die Graffiti-Kunst seit den 1970er Jahre ein Medium für Exilierte und Migrierte, um in einem marginalisierten gesellschaftlichen Raum sichtbar zu werden. Mit dem Tagging schreiben sich Graffiti-Künstler:innen in den öffentlichen Raum, das als eine Form der Selbstermächtigung fungiert. Mit Gruppen wie den 36 Boys, die aus türkisch- und kurdischstämmigen Jugendlichen in Kreuzberg bestand, entstanden hybride Subkulturen, die eigene Regeln und Codes entwickelten.
Folgende Fragen und Themen sind dabei von besonderem Interesse:
- Subkultur als kreative, ästhetische und widerständige Praxis im Exil und in der Migrationsgesellschaft (Kultur, Kunst, Queerness, Gender, Feminismus, Politik, etc.)
- Themen wie Sichtbarkeit, Gegenkultur und Widerstand im Verhältnis zu etablierten bekannten Medien und Orten
- Orte, Räume, Netzwerke und Kontaktzonen von Subkulturen im Exil / in der Migrationsgesellschaft
- Transnationale und -kulturelle Prozesse von Subkulturen, wie Kreativität, Mobilität, Aneignungen, Ablehnungen, Reflexionen kultureller Differenz sowie Auseinandersetzungen mit „dem Fremden“, „dem Anderen“
- Unterschiedliche Begriffe und Konzepte wie Szene, Bewegung, Subkultur, Mainstream, Underground, Gegenkultur, Gegenräume, Widerstand, Mobilität, Migration, Netzwerk, Kontaktzone, die zum Thema Exil ins Verhältnis gesetzt werden sollen.
Erbeten werden Abstracts (ca. 300 Wörter) und ein kurzer CV, die bis zum 15. Juli 2026 in einem PDF geschickt werden an Dr. Helene Roth (helene.roth@lmu.de).
Die Auswahl erfolgt Ende Juli.
Die vollständigen Beiträge (ca. 30.000 Zeichen) sind bis 1. Dezember 2026 einzureichen.